ARCHIV

FÜR

LITERATUR- und KIRCHEN- GESCHICHTE

DES MITTELALTERS.

HERAUSGEGEBEN

VON

P. HEINRICH DENIFLE 0. P. und FRANZ EHRLE S. J.

MIT UNTERSTÜTZUNG DER GÖRRES-GESELLSCHAFT.

VIERTER BAND. . .

FREIBURG IM BREISGAU. HERDER'SCHE VERLAGSHANDLUNG. 1888.

ZWEIGNIEDERLASSUNGEN in STRASSBURG, MÜNCHEN und ST. LOUIS, Mo.

WIEN I, WOLLZEILE 33: B. HERDER, VERLAG.

9 os

Buchdruckerei der Her der 'sehen Verlagshandlung in Freiburg.

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LIBRARY

Inhalt.

Seite

Die Spiritualen, ihr Verhältniss zum Franziskanerorden und zu den

Fraticellen (Schluss), von Ehrle 1

2. Die verschiedenen Gruppen der Spiritualen und ihre Schicksale 1

3. Das Verhältniss der Spiritualen zu den Fraticellen .... 64

4. Das Verhältniss der Spiritualen zu den Anhängern der Observanz 181 Die älteste Taxrolle der apostolischen Pönitentiarie, von Denifle . 201

Ordinatio domini papae Benedicti XII 209

Taxrolle der Pönitentiarie vom Jahre 1338 220

Urkunden zur Geschichte der mittelalterlichen Universitäten, von dem- selben 239

1. Urkunden zur Universität Bologna . 239

2. Zum Rechtsstudium in Avignon im 13. Jahrhundert .... 246

3. Päpstlicher Stiftungsbrief der Universität Gray 247

4. Neue Urkunden zur Universität Lörida 249

Die Handschriften der Bibel - Correctorien des 13. Jahrhunderts, von

demselben 263

1. Einleitung 266

2. Das Exemplar Parisiense 277

3. Die Einleitungen der Bibel-Correctorien 292

4. Die Correctorien im Verhältnisse zum alten Bibeltext und dem

des 13. Jahrhunderts 471

Der Plagiator Nicolaus von Strassburg, von demselben . . . . 312

Ursprung der Historia des Nemo, von demselben 330

Ein Bruchstück der Acten des Concils von Vienne, von Ehrle . . 361

1. Auszüge aus den Gutachten der Prälaten 366

2. Vorschläge des leitenden Comites zur Erledigung der von den Prälaten eingereichten Beschwerden 399

IV

Inhalt.

Seite

3. Gegenstand und Geschäftsgang der conciliarischen Berathungen

nach den bisher bekannten Berichten 417

4. Neues Licht über die Geschäftsordnung des Concils .... 428

5. Zur Geschichte der Vienner Concilsdecrete und der Clementinen 439

6. Der Kampf um die Freiheit der Kirche im 13. und 14. Jahr- hundert 464

Ein Quaternus rationum des Malers Matteo Gianotti von Viterbo in

Avignon, von Denifle 602

Mittheilungen.

Der constantinische Schatz in der päpstlichen Kammer des 13. und

14. Jahrhunderts, von Ehrle 191

Zur Geschichte des Cultes Urbans V., von Denifle 349

Zur Verdammung der Schriften des Raimund Lull, von demselben 352 Spesen der Stadt Montpellier bei einer Gesandtschaft zur Curie, von

demselben. . 356

Die Spiritualen, ihr Verhältniss zum Franziskanerorden und zu den Fraticellen.

2. Die verschiedenen Gruppen der Spiritualen und ihre Schicksale.

a. Die Gruppe Angelus' de Clareno.

(Schluss.)

Noch bleiben uns zur Charakteristik dieser Gruppe die An- schuldigungen zu prüfen, welche zu verschiedenen Zeiten gegen sie vorgebracht wurden.

Die erste Anklage, welche schon 1274 gegen sie erhoben wurde1, war, dass sie dem Papste die Vollmacht bestritten, ihren Orden zur Annahme eines gemeinsamen Besitzes zu verpflichten. In dem Schreiben Bonifaz' VIII. und des Patriarchen von Constantinopel 2 (c. 1299) waren wohl dieselben Anschuldigungen enthalten, welche sowohl bei dem c. 1309 in Born von Isnardus geführten Process3, als 1311 bei den Verhandlungen vor dem Concil von Vienne4, als endlich 1317 vor Jo- hann XXII. 5 eben auf Grund jener Schreiben vorgebracht wurden. Es waren folgende Sätze: 2) es gäbe in der Kirche keine päpstliche Ge- walt mehr, dieselbe sei in ihr längst erloschen und auf die Spiritualen übergegangen, bis die Kirche reformirt sein werde; 3) Bonifaz VIII. sei kein rechtmässiger Papst ; 4) auch die priesterliche Gewalt sei nur noch bei ihnen zu finden und die vom Papste und den Bischöfen Or- dinirten seien keine wahren Priester; 5) die morgenländische Kirche sei der abendländischen vorzuziehen ; 6) ferner wurden ihnen verschie- dene Eingriffe in die kirchliche Jurisdiction zur Last gelegt, sie hätten

1 S. diese Zeitschr. II, 301 s. 2 L. c. II, 317; III, 12 s.

3 L. c. I, 531. 4 L. c. II, 371. 5 L. c. I, 522.

Archiv für Literatur- und Kirchengeschichte. IV. 1

2

Franz Ehrle,

ohne die nöthige Bevollmächtigung das Busssacrament und das Predigt- amt ausgeübt und Convente errichtet. Die zweite und dritte dieser eben aufgeführten Anklagen wurden, wie wir aus Olivi's Brief an Con- rad von Offida sehen1, bereits 1295 gegen die Eiferer in Umlauf ge- setzt, und zwar in einer Fassung, welche, wie wir unten sehen werden, den Ursprung obiger Sätze erklärt. Noch andere Irrthümer wurden ihnen in Griechenland (c. 1298) vorgeworfen2, nämlich 7) sie enthielten sich als Manichäer des Fleisches und sie mieden die Kirchen, weil sie an das Messopfer und die Sacramente nicht glaubten. Die achtzehn Häresien verzeichnende Anklageacte, welche ein fr. Hieronymus aus Catalonien, später Bischof in der Tatarenmission, c. 1300 in Thessalien gegen sie aufsetzte3, ist uns nicht mehr erhalten. Raymund von Fronsac hatte sie c. 1319 noch vor sich4.

In Betreff der ersten Anklage bedarf es keines weitern Nach- weises, dass dieselbe sowohl im Verhalten der Eiferer in der Mark als in den Quästionen Olivi's5, ihres von ihnen hochverehrten Führers

1 Historisches Jahrbuch III, 652. 656. 658. Der dritte in diesem Briefe erwähnte Irrthum ist die Apostasie vom Orden.

2 S. diese Zeitschr. I, 527.

3 S. diese Zeitschr. III, 13, c. 24 und I, 528 s.

4 S. diese Zeitschr. III, 77.

5 Es genügt hierfür, die Antwort vorzulegen, welche Olivi auf den früher (in dieser Zeitschr. III, 532) bei quaest. 16 mitgetheilten zwölften Einwand gab. Zum vollen Verständniss derselben ist wohl zu beachten, dass Olivi den ent- schiedensten Widerstand bereits für geboten hielt, falls auch nur der blosse Oenuss fester Renten dem Orden zur Pflicht gemacht werden sollte. Wie gelehrige Schüler er für solche Sätze in den provencalischen Spiritualen fand, zeigen uns die Geständnisse der von ihnen geleiteten Beghinen (Liber sen- tentiarum inquis. Tolos. ed. Limborch pp. 298 s. 384 s.). Der eigentliche Kern auch dieser Ausführung ist die schon mehrmals erwähnte Identificirung der minoritischen Armuth und Regel mit dem evangelischen Leben Christi und der Apostel. (Cod. Vatic. 5988, f. 103 a.) 'Ad Xllm dicitur, quod nulli sane mentis est dubium, quin summo pontifici licet id, quod secundum verita- tem melius et expedentius pro tempore fuerit, ordinäre et quin huiusmodi ordinationibus seu decretis sit humillime obediendum. Sed ubi, quod absit contra Christi et apostolorum consilia et extra vel contra angelici viri Fran- cisci sacris stigmatibus christiformiter consignati fide dignissima testimonia et regularia statuta, docmata, exempla in subversionem totius evangelici Status audacter et pertinaciter vellet aliquid attemptare et tarn profanam novitatem inducere; quia in hoc, non ut Christi vicarius, sed ut demon me- ridianus procederet, nequaquam esset sibi obediendum, ymo tanquam lucifero meridiano deinceps (Hb. deinopis) totis viribus resistendum, cum hoc esset

Die Spiritualen.

3

nur allzusehr begründet war. Selbstverständlich konnte der Papst, wenn die Abstellung schwerer Missbräuche es forderte, die Annahme des ge- meinsamen Besitzes dem Orden zur Pflicht machen. Die zweite und vierte Anschuldigung1 hing, wie uns der Brief Olivi's andeutet, mit der unter den Spiritualen verbreiteten Verurtheilung der päpstlichen Erklärungen und Milderungen der ursprünglichen Observanz zusammen. In diesen Erklärungen sahen dieselben eine Fälschung und Verläugnung des evangelischen Lebens des Heilandes und der Apostel, also eine wahre Häresie, durch welche sich nach einigen bereits Gregor IX., nach an- deren Innocenz IV. oder Nicolaus HL der päpstlichen Würde verlustig- gemacht hatten2. An dieser Häresie betheiligten sich nach ihnen die folgenden Päpste durch Gutheissung jener Erklärungen der Regel, wes- halb auch ihnen die päpstliche Würde nicht zukommen konnte. Eine weitere Folge war, dass alle von ihnen geweihten oder ihnen anhängen- den Bischöfe und Priester sich derselben Häresie schuldig machten. Zum selben Irrthum führte einige andere Spiritualen ihr Abscheu vor dem der Habgier und dem Ehrgeiz fröhnenden Clerus, über den aller- dings auch kirchlich gesinnte Autoren der Zeit zu klagen hatten.

verbo et facto, ymo et sollempnibus decretis et preceptis Christi evangelium destruere et novam hanc horrendam heresim in orbem Universum inducere et velut Leviatha numeris testiculorum perplexis sectam novam et pestiferam propagare. Dato autem quod alicui simplici et dogmatum divinorum ignaro non omnino certitudinaliter appareret, hoc esse hereticum, saltem omni homini pure et certe conscientie et omni amatori et zelatori puritatis evangelice sine omni ambiguitatis scrupulo irrefragabiliter constare debet, quod observantia egestatis et mendicitatis evangelice purissime se preservans a modo pretacto est maioris ac preclarioris et indubitabilioris puritatis et perfectionis , quam sit modus pretactus. Ulterius indubitanter tali constare debet, quod ille modus predictus multam continet ipse indubietatem et multiplex et manifestum pericu- lum impuritatum committendarum in evangelicam regulam et etiam alicuius transgressionis eius et precipitationis totius evangelici status. Et certe omnis vir sane mentis debet esse indubitanter certus, quod in tali casu et in tarn . . . et tarn manifesto periculo nulli homini tenetur necessario obedire, ut scilicet propter eius edictum tanto periculo se exponat, ymo tale preceptum omnemque excommunicationem pro nichilo ducere tanquam vere nullam nullius- que apud deum ponderis vel vigoris.'

1 S. dieselben auch oben S. 13, c. 23: 'Isti fratricelli condempnabant statum ecclesie sicut Valdenses et declarationes regule beati Francisci et communitatem ordinis minorum.'

2 Diese letztere Folgerung billigten jedoch nicht alle Spiritualen ; s. Liber sententiamm inquisit. Tolos. ed. Limborch pp. 300. 305. 327; dagegen 1. c. pp. 315. 323. 384.

1*

4

Franz Ehrle,

Angelo sowie jenen seiner Schüler gegenüber, welchen seine Gesinnung massgebend war, hatten diese Anklagen, wenigstens vor 1318, keine -volle Berechtigung. Es finden sich zwar in seinen Briefen Klagen über das Verderben des Clerus , ja auch einige Stellen 1, welche im Sinne jener Anklagen gedeutet werden können ; aber andererseits gab er über diese Punkte vor J ohann die bündigsten Erklärungen 2 ab und findet sich vor 1318 in seiner Privatcorrespondenz eine Eeihe von Aeusserungen 3, welche sich mit jenen Beschuldigungen nicht gut reimen lassen. Auf das Verhalten Angelo's nach 1318 komme ich später zu sprechen.

Ueber die Berechtigung der dritten Anklage in Bezug auf die Gruppe Angelo's konnte ich bisher nichts Sicheres ermitteln. Aller- dings musste vor allem gerade sie die Abdankung Cölestins, an der Bonifaz so hervorragenden Antheil hatte, nichts weniger als günstig für ihn stimmen und diese Stimmung konnte durch die Cassirung des ihnen ertheilten Privilegs nicht verbessert werden. Andererseits fand ich keine Aeusserung Angelo's, welche im Sinne dieser Anklage ge- deutet werden könnte. Ja gegen ihre Berechtigung spricht entschieden die Thatsache, dass Liberato 1302 an Bonifaz Boten entsandte4, um gegen die Sentenz des Patriarchen von Constantinopel Einsprache zu erheben. Hiernach scheint es mir wahrscheinlich, dass diese Beschuldi- gung von einigen anderen Spiritualen der mittelitalienischen Provinzen unberechtigterweise auf Angelo übertragen wurde. Dass von manchen Eiferern jener Gegenden die Rechtmässigkeit Bonifaz' bekämpft wurde, zeigt vor allem der 'Arbor vitae crucifixae' Ubertino's, der Brief Olivi's und das Vorgehen eines Jacopone von Todi.

Der fünfte ihnen zur Last gelegte Satz stammt aus Joachim und seinen Auslegern; doch findet sich für ihn kein Anhaltspunkt in den uns erhaltenen Schriften Angelo's. Die Beurtheilung der sechsten Anklage hängt zum grössten Theil mit der Berechtigung der von Angelo geleiteten Genossenschaft zusammen. Gegen ihre Wahrheit spricht die Unterwürfigkeit, welche dieselbe den Bischöfen gegenüber an den Tag legte. Der siebente Punkt enthält offenbare Verleumdungen, zu welchen die von den Flüchtlingen auf Trixonia und sonst in ihren ab- gelegenen Niederlassungen eingehaltene Lebensweise Veranlassung gab.

Durch das eben Gesagte will ich jedoch durchaus nicht die Möglichkeit ausschliessen , dass Mitglieder anderer Gruppen, ja selbst auch einige Anhänger Angelo's zu solchen Anschuldigungen

1 S. diese Zeitschr. I, 565. 2 L. c. I, 522.

3 L. c. I, 560 bis 563. 555. 558. 559.

4 L. c. I, 530.

Die Spiritualen.

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Anlass boten. Hierfür sprechen vielmehr, wie mir scheint, die Geständnisse der von einigen südfranzösischen Spiritualen ge- leiteten Beghinen, in welchen sich mehrere- obiger Sätze, zumal der erste, zweite und vierte, finden1. Ja auch die unten2 mit- zutheilenden Processacten einiger Fraticellen, welche wir in ge- wissem Sinne späteren . Generationen der Gruppe Angelo's zu- weisen müssen, enthalten ähnliche Aussagen. Wohl zu beachten ist ferner die Aehnlichkeit, welche zwischen obigen Anklagen und den Beschuldigungen besteht, welche in den Inquisitions- acten gegen die Pseudoapostel Segarellis und Dolcinos3 sowie gegen einzelne Gruppen der Waldenser4 vorgebracht werden. Aber trotz dieser eine gewisse Geistesverwandtschaft bezeugen- den Aehnlichkeit einiger Lehrsätze, welche sich dazu höchstens auf einzelne Mitglieder einzelner spiritualistischer Gruppen be- zieht, ist es doch durchaus nicht statthaft, den ganzen Wust an- geblich 'ähnlicher oder geistesverwandter' Secten der Gesammt- heit der Spiritualen zur Last zu legen, wie dies der Ordens- procurator Raymund von Fronsac in seiner Actensammlung 5 in gehässigster Weise thut.

Diese für Angelo im wesentlichen günstige Beurtheilung obiger Anklagen wird, wie ich glaube, durch das Verhalten be- stätigt, welches nicht etwa nur Clemens V., sondern selbst Jo- hann XXII. 1317 ihm gegenüber einhielt.

Dürfen wir vom Charakter des Obern auf das allgemeine Gepräge der seiner Leitung unterstellten Brüder einen Schluss ziehen, so müssen wir, wie mir scheint, zugestehen, dass ihrem ganzen Vorgehen im Grunde wirklich zum Theil das ernste Be- streben zu Grund lag, den Orden zu seiner ursprünglichen Strenge zurückzuführen, und dürfen wir ihnen religiösen Ernst und wahre Innerlichkeit nicht völlig absprechen. Aber diesen guten Ele-

1 Liber sententiarum inquis. Tolos. pp. 298—332. 381 393. Bernar- dus Guidonis, Practica inquisitionis ed. Douais pp. 264 288.-

2 Im dritten Abschnitt und oben III, 13.

3 Bern. Guidonis 1. c. pp. 257—264. 327—355. Liber sentent. 1. c, pp. 360 s.

4 Bern. Guidonis 1. c. pp. 244—256.

5 S. diese Zeitschr. III, 10, cap. 1—21.

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Franz Ehrle,

menten war eine starke Dose jener oben besprochenen Ueber- treibungen der übrigen Spiritualen beigemischt, und eben sie be- wirkten, dass, als Johann XXII. 1317 ihre Genossenschaft cassirte und 1322 den von ihnen so vergötterten Ehrenvorzug der mino- ritischen und evangelischen Armuth unbarmherzig zerstörte, An- gelo mit den Seinen an dessen Rechtmässigkeit irre wurde und ihm den Gehorsam verweigerte. Sie sahen ihn als den von einer ihrer Vorhersagungen bezeichneten Papst an, welcher, in rechts- widriger Weise erwählt, sich gegen die heilige Armuth erheben werde1. Aber selbst in dieser Abirrung bewahrte Angelo eine nicht zu unterschätzende Mässigung, warnte zuweilen vor jeg- licher Aufreizung und Agitation gegen Johann und erwartete einzig von der Vorsehung das nöthige Heilmittel2.

Wie ich eben andeutete, trat in den ersten Jahren Johanns ein völliger, höchst unglücklicher Umschwung in der Haltung der uns beschäftigenden Gruppe ein. Die trübe Ahnung, welche Angelo während der Sedisvacanz in einem seiner Briefe äusserte 3, es werde mit dem folgenden Pontificate statt des lang ersehnten Friedens, von welchem andere schon träumten, vielmehr eine Zeit noch schwererer Bedrängnisse anbrechen, sollte sich nur zu sehr bewahrheiten. Johann XXII. stellte sich von Anfang an auf die Seite der Communität. Diese säumte daher nicht, bald die schwersten Anklagen gegen die verschiedenen Gruppen der Spiri- tualen und gegen die ihnen befreundeten Beghinen vorzubringen 4. Johann liess daher Ende 1316 oder wahrscheinlicher Anfang 1317 mehrere in Avignon anwesende Häupter der Reformpartei in einem Consistorium vor sich laden; unter ihnen auch Angelo. Als er vorgeführt war, erklärte ihn Johann auf Grund der Schrei- ben Bonifaz' VIII. und des Patriarchen von Constantinopel für excommunicirt und liess ihn im Hause des Cardinalkanzlers in sichern Gewahrsam bringen. Hier schrieb nun Angelo seine, von mir früher mitgetheilte, 'epistola excusatoria', durch welche er, wie es scheint, mit Hilfe der Cardinäle Jacob Colonna und Na-

1 S. diese Zeitschr. I, 566. 569.

2 L. c. I, 567. 568. 3 L. c. I, 547. * L. c. I, 522 s. und II, 142 s.

Die Spiritualen.

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poleon Orsini Johann von seiner Rechtgläubigkeit so ziemlich überzeugte und die Freiheit wiedererlangte *.

Weniger glücklich war er in der nun noch zu entscheiden- den Frage der Unabhängigkeit seiner Genossenschaft. Sicher Hess er nichts unversucht, um dieselbe von Johann durch ein Schreiben bekräftigt zu sehen. Solange ihm in dieser Richtung noch irgend eine Hoffnung blieb, bezeichnete er sich vor Johann als Minderbruder (frater minor). Als jedoch Johann eine solche Abtrennung und Sonderstellung unter keiner Bedingung zulassen wollte, sondern ihm nach den Normen des canonischen Rechts die Wahl zwischen den approbirten Orden freistellte, kehrte An- gelo die andere Seite seines Daseins hervor und erklärte, er gehöre einem solchen bereits an, nämlich dem Orden der Cöle- stinereremiten, worauf Johann ihm durch Cardinal Napoleon Orsini den Befehl zugehen liess, er solle deren Ordenskleid tragen. Dies that Angelo und versprach, nach der Regel des hl. Petrus von Morone leben zu wollen. Inwiefern er diesem Versprechen nachkam, werden wir in der Folge sehen. Ohne Zweifel traf bei dieser Gelegenheit Johann auch eine analoge Entscheidung in Betreff der Anhänger Angelo's. Bezeichnenderweise erzählt uns die 'historia tribulationum' nichts hierüber. Dagegen be- richtet uns der Ordensprocurator Raymund von Fronsac in seiner nur wenige Jahre später geschriebenen Actensammlung 2, Johann habe bei dieser Gelegenheit zunächst mündlich die Genossen- schaft Liberato's und Angelo's cassirt. Dieselbe Entscheidung wiederholte er schriftlich in der vom 30. December 1317 datirten Decretale 'Sancta romana et universalis eeelesia' 3. Hiermit war der von Angelo geleiteten Genossenschaft jegliche Existenzberech-

1 Vgl. auch diese Zeitschr. I, 549.

2 S. diese Zeitschr. III, 27. 28 : 'Ibidem etiam narratur disceptatio sanc- tissimi patris et domini nostri domini Johannis divina Providentia pape XXII. contra Angelum fratricellum . . . contra fratrem Ubertinum de Casali et quod frater Angelus fuit tunc per dominum papam captus. XIII0 capitulo narratur sententia eiusdem domini pape, per quam verbo cassavit statum fratricellorum scilicet Angeli et Liberati et complicum eorundem.'

3 Extravag. Joannis XXII., tit. VII. De religiosis domibus cap. unic. ; vgl. unten den dritten Abschnitt und diese Zeitschr. III, 32, cap. 8.

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Franz Ehrle,

tigung entzogen; dieselbe hatte sich aufzulösen. Angelo ver- blieb im Cölestinerhabit noch bis zum Tode seines Gönners, des Cardinais Jakob Colonna (f 14. August 1318), in Avignon, kehrte aber aller Wahrscheinlichkeit nach bald darauf nach Italien zurück.

Für die nun folgende neue Epoche der Gruppe Angelo's liegen uns glücklicherweise ausser den sehr dürftigen Notizen seiner Briefsammlung noch weitere werthvolle Angaben vor, welche ich neuerdings im cod. 4029 der Vaticana entdeckte. Der- selbe, ein Papierband von 82 Blättern, enthält gleichzeitige Aus- züge von Processacten 1 aus dem Jahre 1334. Nach einem Process (ff. 1 74), auf welchen ich später ausführlicher eingehen werde, folgen (ff. 75—82) einige Protocolle von Verhören, welche der Franziskaner fr. Simon domini Philippi von Spoleto 2 als In- quisitor von Rom und der römischen Provinz in und um Tivoli mit mehreren Anhängern Angelo's anstellte. Ich lasse dieselben hier folgen, da sie für mehrere unsern Gegenstand berührende Fragen von entscheidender Wichtigkeit sind. Ueber die Veran- lassung zu diesen Inquisitionsprocessen wie über die Sendung des fr. Simon werde ich unten die nöthigen Aufschlüsse mittheilen.

(f. 75 a.) Indictione secunda, mense februario, die XXVIIIa [1334]. Frater Franciscus Vannis de Ascisio fraticellus habitator in uno loco prope Tibur in territorio Cole comitis constitutus coram religioso viro domino fratre Symone inquisitore heretice pravitatis, iuratus stare man- 5 datis domini nostri pape Johannis XXIIdl et ipsius domini inquisitoris

1 Nach dem Publicationsprotocoll der beiden Bevollmächtigungsschreiben (s. dieselben unten S. 16) Bl. 3a: 'In nomine domini, amen. Hec sunt exempla extractionis, reistrationis et copie quorundam actorum et actitatorum, factorum, habitorum et receptorum in curia et officio inquisitionis religiosi viri fratris Symonis domini Philippi de Spoleto in Roma et romana provincia inquisitoris heretice pravitatis a sede apostolica specialiter deputati, et plures alie scripture ad dictum inquisitionis officium pertinentes, script/ej, copiat/>7, reistrat/ej de mandato dicti inquisitoris manu mei Martini magistri Aymonis de Urbe vetere imperiali auctoritate notarii et nunc notarii dicti inquisitoris et, eius officii sub annis, diebus et mensibus infrascriptis.'

2 Derselbe war im Frühlinge 1332 in Avignon. Ich fand nämlich in den Rechnungsbüchern im vatic. Archiv (Introitus et exitus camerae apost. n. 32, f. 75 b) : 'Die XVI. m. marcii [1332] de mandato domini nostri pape tradidimus fratri Symoni de Spoleto ordinis minorum ex dono ipsius domini nostri pape de pecunia camere XX flor. auri.'

Die Spiritualen.

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et successorum eius in dicto officio, interrogatus, si seit aliquid, quod sapiat heresim, respondit, quod non, nisi quod audivit a fraticellis de paupere vita in pluribus locis conversando cum eis , quod dictus papa Johannes non est papa, sed nominant eum Jacobum de Caturcho; et dicunt, ut audivit ab eis pluries, quod dictus dominus papa Johannes 5 amputavit capud vite Christi, quia cassavit fratricellos, et quia fecit de- cretalem, quod Christus habuit in proprio et communi, et quod ipse est hereticus. Et dixit, quod audivit ab eisdem, quod habetur una profecia, quod ecclesia romana facta est meretrix, et ad hoc, ut possit melius fornicari, transivit ultra montes ; et etiam, quod si ipse papa Johannes 10 absolveret eos a peccatis eorum, ipsi non haberent fidem, nec etiam si ligaret eos *. Et dixit , quod similiter audivit ab eis , quod nos , qui vocamur fratres minores ab ecclesia , non sumus fratres minores , sed ipsi fratricelli sunt (75 b) vere fratres minores.

Item interrogatus, si credidit in predictis, respondit, quod sie. 15 Interrogatus , quanto tempore credidit , respondit , quod stetit diversis vieibus et interpollatis inter ipsos fratricellos forte per quinque annos et per dictum tempus in diversis locis, audiens frequenter supradicta ab ipsis fratricellis, cum quibus stabat, credebat et credidit supradicta. Interrogatus, si fecit professionem aliquam, respondit, quod reeeptus ab 20 ipsis fratricellis et induetus ab eis promisit servare regulam et testa- mentum beati Prancisci iurando ad saneta dei evangelia super altare et super regulam supradictam in manu fratris Pauli de Assisio, qui est vel dicitur minister provincialis in provincia beati Francisci inter ipsos fratricellos de paupere vita. Interrogatus de tempore, respondit, quod 25 sunt forte IUI01' anni, sed cum eis fuerat antea per plures annos. Inter- rogatus de loco dixit, quod fuit in loco sanete Marie de Rapichiano in territorio Spelli diocesis Spoletane. Interrogatus , quis est generalis eorum, respondit, quod est frater Angelus Clarani de Fossabruno , qui alias fuit vocatus frater Petrus de Fossabruno. Interrogatus, quomodo 30 seit, quod dictus frater Angelus sit generalis, respondit quod audivit ab ipsis fratricellis et dicitur (76 a) communiter inter eos ; et semel, forte sunt tres anni, reeepit ab ipso unam obedientiam eundi et standi in Silva Matutina. Item dixit, quod dictus frater Angelus scripsit sicut generalis ipsis fratricellis morantibus in loco Poli ipso presente et audiente, non 35 sunt XV dies, in qua lictera continebatur, quod confortarent se , quia cito habebunt bonum statum, et quod dominus Phylippus 2 frater regine erit effectus papa.

Item interrogatus, a quibus audivit supradicta, respondit, quod ab omnibus infrascriptis, videlicet fratre Francisco de Ascisio, qui dicitur 40

Vgl. diese Zeitschr. I, 561 und oben S. 1. 3. 2 Philipp von Maiorca.

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Franz Ehrle,

guardianus sancti Blasii de castro Poli, positi in silva, cum quo ipse moratur ; et fratre Rugerio de Abruno, qui moratur ibidem ; fratre Petro Lombardo, qui moratur prope supradictum locum ad duo miliaria in Monte sancte Marie; fratre Egidio de Spoleto guardiano sancte Lucie, 5 fratre Johanne de Spoleto, fratre Bartholo de Spoleto, fratre Stefano de Boccha santi Stephany, in ecclesia sancte Lucie et sancti Gregorii prope Tibur a,[d] V milliaria, fratre Matheo de Spoleto guardiano sancti Pastoris de Gallicano prope locum dicti testis ; fratre Paulo de Ascisio, qui dicitur minister in provincia sancti Prancisci; fratre Leonardo de

lOTuscia in ecclesia sancte Marie de Gallicano; (76b) fratre Nicolo de Calabria, qui est sotius dicti fratris Angeli et hodie sunt VIII dies, quod ipse venit ad supradictum locum Poli, missus a fratre Angelo et cum licteris suis advisitandum seu \isita,t[ionem] faciendfamj in dicto loco et ipsos fratres dicta die, scilicet die dominico proxime preterito, visitavit

15 et corressit in publico et in secreto ; die iovis proxime preterito dictus testis ivit cum dicto fratre Nicolo usque ad locum sancte Lucie ; fratre Petro de Tuderto , qui stetit cum dicto teste in supradicto loco Poli.

Item, in quibus locis audivit predicta a predictis omnibus, respondit, quod in diversis locis, ab aliquibus in dicto loco Poli, ab aliquibus in

20 dicto loco Montis sancte Marie, ab aliquibus in dicto loco sancte Lucie, ab aliquibus . in dicto loco Silve Matutine et in pluribus aliis locis. Interrogatus de tempore, respondit, quod a V annis citra diversis tem- poribus, mensibus et diebus.

Actum in camera inquisitoris presentibus fratre Giraldo sotio inqui-

25 sitoris, domino Nicolo de Fustis de Berta et me Francisco ser Homodei notario.

Item iterum repetitus dicto die et interrogatus, si seit, ubi moratur dictus frater Angelus, respondit quod moratur in (77 a) saneto Benedicto de Sublaco. Item dixit, quod ad memoriam sibi venit, quod ante non

30fuerat recordatus, quod supradicta hereticalia audivit ab infrascriptis, videlicet a fratre Thomascio de Camcamo, fratre Benedi cto fratre suo, qui moratur in ecclesia sancte Marie de Limandrillis de Cicigliano et maxime audivit ab eis, quod dominus papa Johannes non est papa. Interrogatus, si audivit ab aliquo alio, respondit, quod semel fuit inter-

35 rogatus ipse testis ab abate monasterii de Sublaco : 'Quomodo stas cum papa Johanne' et ipsum (!) respondent/e/ : 'Male, quod deus maledicat sibi'-; et ipse abas respondit sibi et dixit : 'Non blasfemes sibi tu, quia homines spirituales non debent alios blasfemare et deus dabit sibi bene penitentiam de malis et contrariis factis per eum.' Interrogatus de loco, respondit,

40 quod fuit in arce de Sublaco. Interrogatus de tempore, respondit, quod fuit in septimana, in qua fuit festum sancti Blasii proxime preteritum. Item dixit, quod audivit a supradicto fratre Nicolo sotio predicti

Die Spiritualen.

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fratris Angeli, quod dictus abbas nichil facit sine consilio dicti fratris Angeli. Item dixit, quod audivit a dicto fratre Mcolao in septimana proxime preterita etc. 1

(f. 77b.) Die secunda mensis martii [1334]. 5

Frater Johannes Lodoroni de Alfanis de Eeate novitius in ordine minorum testis iuratus süo sacramento dixit in presentia fratris Symonis de Spoleto inquisitoris predicti, quod fratricelli de paupere vita, quorum caput est frater Angelus de Marcia, credunt communiter pro maiori parte, quod dominus papa Johannes non sit papa, et quod decretalis, 10 quam fecit ipse, in qua dicitur, quod Christus habuit in proprio et in communi, non est vera, et quod eam non potuit facere ; et quod fratres minores non habentes conscientiam servandi regulam beati Francisci ad licteram, non sunt in statu salvationis sed dampnationis ; et quod declarationes et statuta vel ordinamenta facta super ipsa per summos 15 pontifices, non potuerunt fieri de iure.

Interrogatus, quomodo seit, respondit, quod hoc seit ex conversa- tione magna, quam habuit cum eis stando inter eos fratricellos ut 2 unus ex eis et postquam ab eis recessit et ex verbis, que audivit ab eis et ab aliis, qui sciunt facta et oppiniones eorum. Et dixit, quod audivit 20 ab ipsis fratricellis, quod frater Johannes de Spoleto, qui moratur in loco sanete Lucie prope Castrum saneti Gregorii est fervens in supradictis herroribus, sed non audivit ab eo. Et dixit, quod frater Johannitius de Reate frater eius sunt boni et non credunt supradicta ; sed alii, qui sunt in contrata Reatina (78 a) communiter credunt predicta et dixit, se scire 25 causis supradictis. Interrogatus, ubi stetit et conversatus fuit cum predictis fratricellis, quorum capud est dictus frater Angelus, respondit, quod Rome et in Marino et in locis contrate Reatine et in pluribus aliis locis.

Et supradictum sacramentum prestitit sie, scilicet, quod nichil in 30 predictis dixit contra conscientiam suam nec dixit in odium alieuius. Et dixit, quod distinte (!) forte non recordatur de quolibet verbo et de omnibus, a quibus audivit, sed de substantia predictorum est certus propter causas predictas. Et sine sacramento dixit, quod audivit ab eisdem vel pluribus eorum, quod recedente gratia ab3 eo et existens in 35 peccato mortali perdebat auetoritatem pape.

Actum in capitulo fratrum minorum de Tibure presente fratre Sagueno guardiano dicti loci et fratre Raymundo lectore ibidem ordinis minorum et me fratre Giraldo de Mevanea ordinis minorum notario ipsius inquisitoris. 40

* So die Hs. 2 Hs. ut] et. 3 Hs. a deo.

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Franz Ehrle,

Die IIIIt0 mensis martii [1334].

Frater Johannes Toni de Spoleto habitator in loco sancte Lucie prope Castrum sancti Gregorii diocesis Tiburtine constitutus coram fratre 5 Symone de Spoleto inquisitore supradicto et iuratus tactis sacrosanctis scripturis stare mandatis ecclesie (78 b) et domini pape Johannis XXIIdi et suis et successorum eius et dicere veritatem, dicto sacramento prius omnem heresim abiurando, repetitus etiani ab ipso inquisitore et iterum interrogatus suo sacramento dixit et confessus fuit, quod ipse credidit

10 tempore preterito usque modo, quod dominus papa Johannes XXIIdus non sit papa et quod omnis papa perdendo gratiam et existens in peccato mortali, perdit auctoritatem pape ; et quod decretalis prefati domini pape Johannis, in qua dicitur, quod Christus habuit in proprio et in communi, non est vera, ymmo est heretica ; et quod omnes fratres, qui ab ecclesia

lSvocantur fratres minores, non habentes conscientiam servandi regulam beati Francisci ad licteram, sunt in statu dampnationis ; et quod omnes declarationes facte per summos pontifices super ipsa regula beati Fran- cisci non potuerunt fieri de iure.

Interrogatus , per quantum tempus credidit supradicta , respondit,

20 quod spatio XVII annorum. Item dixit, quod suprascripta hereticalia credunt communiter fratricelli de paupere vita, quorum generalis et caput est frater Angelus Clareni de Marchia, qui dicitur morari in monasterio sancti Benedicti de Sublaco vel in arce de Sublaco. Et dixit, quod istud, scilicet quod dictus frater Angelus moretur in predicto monasterio

25 vel in arce de Sublaco , seit solum per auditum. Et dixit , quod ipse vidit dictum fratrem Angelum in supradicta arce tempore, quo Bavarus 1 fuit in Roma. Et frater Egidius frater eius carnalis, qui moratur secum in loco sancte Lucie vidit dictum fratrem Angelum in dicta arce (79 a), et sunt forte duo anni , sicut audivit ab eo. Interrogatus, quomodo

30 seit supradicta hereticalia de supradictis fratricellis, respondit, quod hoc seit, quia audivit ab eis et cognovit de ipsis conversando cum eis, cum quibus conversatus est per XVI annos et ultra et fecit profexionem inter eos. Interrogatus, a quibus audivit supradicta et qui sunt fratricelli supradicti, respondit, quod sunt frater Francisco de Ascisio guardianus

35 loci Poli, et frater Martinus, qui moratur in loco Poccaglie et plures alii, de quibus non recordatur. Item dixit, quod illud, quod dixit alias prefato inquisitori, scilicet, quod promiserat obedientiam, paupertatem et regulam beati Benedicti venerabili viro dompno fratri Benedicto abbati sancti Gregorii de Urbe non fuit verum sed falcum ; quod falcum dixit

40 propter timorem, ut non crederetur, quod servaret regulam beati Francisci.

1 Ludwig der Bayer 1328 vom 7. Januar bis 4. August.

Die Spiritualen.

13

Actum in camera ipsius inquisitoris sub anno domini millesimo CCC° XXX0 IIIIt0 die Iiiita mensis martii presente fratre Benedicto abbate sancti G-regorii de Urbe, fratre Petro de Civitella priore dicti monasterii, fratre Angelo et fratre Gregorio monachis eiusdem monasterii et Francisco Johannis Amodei notario ipsius inquisitoris et me fratre 5 Giraldo de Mevanea ordinis minorum notario ejusdem inquisitoris.

(f. 79b.) Die XVIII0 mensis martii [1334].

Frater Franciscus de Ascisio predictus constitutus in presentia domini fratris Symonis inquisitoris heretice pravitatis iterum repetitus 10 suo sacramento dixit, quod uno sero inter festum nativitatis et festum epiphanie proxime preterita frater Petrus de Lombardia habitator ecclesie sancte Marie de Monte in habitu fratricellorum de territorio Cole Comitis diocesis Tiburtine ipso presente et audiente dixit, quod beatus Fran- ciscus et beatus Antonius et beatus Benedictus sunt in inferno, quia si 15 essent in paradiso, beatus Antonius submergeret in abissum omnes questores nomine suo; et tunc fuit mentio de una porcella; et beatus Franciscus submergeret similiter omnes fratres minores, quos vocabat fratres grassos ; et beatus Benedictus submergeret omnes monacos, qui non vadunt per viam suam et tenent concubinas et dant eis bona mo- 20 nasterii. Et frater Franciscus, qui erat guardianus dicti loci et curam habebat, dixit ibi ipso audiente, quod ossa sancti Silvestri et Constantini deberent comburi , qui dictaverant ecclesiam et ex divitiis ecclesiarum fiebant guerre. Et dixit , quod tunc dictus frater Franciscus dixit ibi, quod dominus papa Johannes non est papa et quod ante permicteret se 25 comburi, quam confiteretur, (80 a) ipsum esse papam.

Interrogatus de tempore dixit, quod tempore supradicto, sed de die non recordatur. Interrogatus de loco, respondit, quod in coquina loci sancti Blasii prope Polum, in quo stant fratricelli de paupere vita. Interrogatus de presentibus dixit, quod erat ibi ipse et frater Johannes Toni et frater 30 Franciscus antiquior de Ascisio guardianus predictus et dictus frater Petrus.

Actum in camera ipsius inquisitoris, presente Ceccho Vechi notario ipsius inquisitoris, fratre Juvenale de Tarano, fratre Mcolutio de con- trata Turris Comitis ordinis minorum et me Francisco notario inquisitoris.

Am 19. März wiederholte vor denselben frater Johannes Toni dieselbe 35 Aussage (f. 80 ab).

(f. 81a.) Indictione D>, mense martii, die VID> [1334].

Frater Franciscus de Ascisio iterum1 repetitus et interrogatus, si cognoscit aliquos alios de fratricellis fratris Angeli Clareni de Marchia 40

1 S. sein erstes Verhör oben.

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Franz Ehrle,

vel qui clicantur prelati inter eos, suo sacramento respondit et dixit, quod seit scilicet in saneto Johanne de Porta Latina guardianus est frater Matheus de ßeate et unus alius de Reate est cum eo, qui non est de fratricellis predictis. Interrogatus, si ipse fuit cum dicto fratre ÖMatheo in aliquo loco, respondit, quod sie, scilicet in dicto loco saneti J ohannis de Porta Latina, sed non dormivit ibi, sed redierunt ipse testis et frater Eogerius de Aprutio ad locum saneti Blasii de Castro Poli. Item dixit, quod audivit a fratricellis dicti fratris Angeli pluribus vieibus et in pluribus locis, quod fornicari cum mulieribus vel actus ipse forni-

10 cationis non est (81 b) peccatum. Interrogatus de loco , respondit, quod in predicto loco saneti Blasii et in loco Colliscelli prope Ascisium et in pluribus aliis locis. Interrogatus, a quibus audivit, respondit a fratre Antonio de Marchia et fratre Nello de Senis ordinis dictorum fratricellorum vel septe. Et dixit, quod predictus frater Nellus dixit

15 ipso presente et audiente pluries predicta, et maxime semel Aquile dixit, quod hoc probaret cum omni persona, quod dictus actus non est pecca- tum. Et dixit, quod a pluribus aliis audivit predicta. Interrogatus de tempore, respondit, quod hoc anno ab aliquo et aliis annis diversis vieibus infra quinquennium , quo stetit cum dictis fratricellis, sed non

20 recordatur de mense et die. Item dixit, quod inter ipsos fratricellos audivit, quod locus saneti Johannis ante Portam Latinam tutus (?) pro eis. Et dixit, quod audivit in predicto loco Poli die, qua visitavit eos frater Matheus, qui dicitur minister inter eos, de quo in alia sua eon- fexione dixit, ab ipso fratre Mcolo, quod dictus frater Matheus stat

25 sub obedientiam dictorum fratricellorum.

Item dixit, quod dictus frater Nicolaus eisdem loco et die dixit cum (?) eo audiente, quod dictus frater Angelus volebat recedere et ire in Marchiam timore ipsius inquisitoris , et quod dictus frater Angelus non consentiret heresi, quam tenent fratres minores, propter hoc nolebat

30 se presentare. Et dixit, quod eisdem loco et die (82 a) audivit a dicto fratre Mcolo, quod guardianus sanete Marie de Araceli scripserat ab- bati Sublacensi, quod daret dictum fratrem Angelum et presentaret do- mino vieepape vel ipsi inquisitori, et ex hoc gratiam consequetur ; et quod dictus abbas respondit, quod non daret eum, si facerent eum papam, sicut

85 est papa Johannes. Item dixit, quod hoc anno dictus frater Angelus ante nativitatem domini misit unam litteram fratricellis morantibus in dicto loco Poli, quod fuit lecta ipso presente, in qua scribebat sicut gene- ralis ipsorum et confortabat eos ; et quod fratres minores, quos vocabat apostatas gratia dei, ineusaverant ipsum fratrem Angelum, ac si esset

40 vipera velenosa et coniurando (?) , quod ista vipera circumdabat eos circum circa. Interrogatus, quo sigillo erat littera sigillata, respondit, quod est ibi imago beati Francisci desponsantis paupertatem et ipsius

Die Spiritualen.

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paupertatis et in pede est ymago unius fratris genuflessi. Interrogatus de data litterarum, respondit, quod fuit data in Sublaco.

Actum in camera ipsius inquisitoris presente fratre Giraldo sotio ipsius inquisitoris, Ceccarone domini Symonis de Fracta et Berardino familiari ipsius inquisitoris. 5

Mit diesen Protocollen haben wir eine Reihe päpst- licher Schreiben zusammenzuhalten, welche Wadding, Ray- naldus und Melissanus, weil ihnen jene Processacten unbekannt waren, nur mit ein paar Worten erwähnen.

Offenbar waren im Laufe des Jahres 1333 in Avignon alarmirende Berichte über die Ausbreitung und das gefährliche Treiben der in der römischen Provinz zerstreuten Anhänger Angelo's eingelaufen. Infolge derselben wurde fr. Simon domini Philippi von Spoleto kraft besonderer päpstlicher Bevollmächtigung zum Inquisitor bestellt durch ein Schreiben vom 1. Juli 1333. Da derselbe durch Competenzstreitigkeiten mit seinem Provinzialminister in der Ausüburg seines Amtes vielfach behindert wurde, untersagte Johann letzterem durch zwei weitere Erlasse vom 13. Februar 1334 jegliche Einmischung. Auf weitere Mittheilungen, zumal von seiten des Inquisitors fr. Simon, trafen drei weitere Schreiben (dd. vom 9. und 11. Februar 1334) von Avignon ein. Zwei derselben waren an eine Reihe von Adressen gerichtet, nämlich an den päpst- lichen Vicar in Rom, an die Rectoren des Patrimoniums in Tuscien, des Herzogthums Spoleto, von Campanien und der Maritima, an die Bischöfe dieser beiden letztgenannten Provinzen, den Erzbischof von Pisa und seine Suffragane, den Bischof von Perugia. Beide Schreiben wiederholen, das eine im ganzen Wortlaut, das andere theilweise, die Decretale 'Sancta romana et universalis ecclesia'. Ich theile daher aus beiden nur die Mandate mit.

Besonders deutlich ist beim dritten Schreiben die specielle Bezug- nahme auf die um Rom wohnenden Clarener. Es ist an den päpst- lichen Vicar und an den Inquisitor fr. Simon gerichtet (dd. vom 11. Fe- bruar 1334). Wir ersehen aus demselben, dass letzterer bereits damals mehrere Processe zu Ende geführt und Strafsentenzen gefällt hatte. Da aber, wie auch aus den beiden anderen Schreiben erhellt, keine wesent- liche Besserung zu hoffen war, solange die Häretiker in der Gewogen- heit der Bevölkerung , ja selbst einflussreicher Persönlichkeiten, einen sichern Rückhalt hatten, so zielten die Verordnungen Johanns vorzüglich darauf ab, die Bevölkerung jener Gegenden über den wahren Charakter der 'armen Brüder' aufzuklären und sie durch Androhung der Excom- munication von fernerer Beschützung derselben abzuschrecken. Zu diesem Zwecke sollten die päpstlichen Schreiben allenthalben in den

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Franz Ehrle,

Kirchen beim Gottesdienst verlesen, alle Personen, deren Angehörigkeit zur proscribirten Secte hinlänglich festgestellt war, sammt ihren Be- schützern als der Excommunication verfallen verkündigt ; die Ortschaften, welche ihnen nach erfolgter Mahnung noch ferner Obdach gewährten, mit dem Interdict belastet werden. Ganz besondere Beachtung ver- dienen endlich die zwei Schreiben vom 21. März 1334 an den Guardian von Aracoeli und den Inquisitor fr. Simon. Dieselben werden angewiesen, alle mögliche Sorgfalt aufzuwenden, um Angelo selbst einzufangen ; denn niemand anders als er ist jener 'nequam hereticus, qui se damnate secte fratricellorum maiorem seu ministrum generalem nominat'.

Ich lasse nun die nöthigen Mittheilungen aus den päpst- lichen Schreiben folgen. Sie sind alle in Regest. Vatic. Joan- nis XXII. (n. 117) secret. an. 17 et 18 enthalten.

1. Dilecto filio Symoni Philippi de Spoleto ordinis fratrum minorum in provincia romana inquisitori here- tice pravitatis. 'Excitamur cura solicita, ut negotium catholice fidei'; bestellt ihn zum Inquisitor ohne besondere Bezugnahme auf die Fraticellen. Datum Avinione kalendis iulii anno 17° (1. Juli 1333).

[f. 2 a, epist. 9].

2. An denselben. Nuper accepimus, quod licet nos dudum te, de cuius fidelitate ac circumspectione confidimus, inquisitorem here- tice pravitatis in romana provincia duxerimus per nostras certi tenoris litteras deputandum, tuque inquisitionis huiusmodi officium ceperis exequi diligenter ; tarnen quidam fratres tui ordinis minorum, asser entes se per dilectum filium ministrum provincialem fratrum ordinis predicti eiusdem i provincie inquisitores dicte pravitatis in memorata provincia deputatos, , te in ipsius executione officii satagunt impedire; daher verbietet er dem < Provinzialminister und den übrigen Brüdern jegliche derartige Einmischung / und Behinderung. Datum Avinione idibus februarii anno 18° (13. Fe- - bruar 1334). [f. 251b, epist. 1277].

3. Eidem ministro. 'Cum velimus, quod dilectus filius Sy- - mon' , . . solus in eadem provincia huiusmodi inquisitionis officium i exequatur; so soll er ihn nicht behindern. [f. 252 a, epist. 1278] .

4. Guardiano fratrum minorum in Ära Celi de Urbe. .

Intelleximus , quod, si adhibere curares diligentiam operosam, ille 3 nequam hereticus, qui se dampnate secte fratricellorum maiorem seu 1 ministrum generalem nominat, posset capi. Cum autem id deo gratum ti ac nobis ac apostolice sedi acceptum existeret admodum ac fidei ca- -

tholice tuoque ordini, cui ipse cum suis complicibus et sequacibus s

detrahere non parum satagit multipliciter, oportunum ; sineeritatem tuam n requirimus et in domino attentius exhortamur, quatinus premissis con- 1-

Die Spiritualen.

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sideranter attentis circa captionem eandem sie eures operosum Studium adhibere, quod propter mercedem perennis premii tue circumspectionis devotio possit apud nos et sedem predictam merito commendari. Datum IX. kalendis marcii anno 18° (21. Februar 1334). ff. 252a, epist. 1281.]

5. SymoniPhilippideSpoleto etc. wie oben. Intelleximus etc. ut supra; auch er solle in seiner Eigenschaft als Inquisitor zur Be- werkstelligung dieser Einfangung allen Fleiss aufwenden. Datum ut supra. ff. 252 a, epist. 1282. ]

6. Venerabiii fratri Angelo episcopo Viterbiensi nostro in spiritualibus in Urbe vicario et dilectis filiis Philippe- de Cambarlhaco canonico basilice prineipis apostolorum de dicta Urbe, rectori Patrimonii beati Petri in Tuscia neenon inquisitoribus heretice pravita- tis inPatrimonio et Urbe predictis ac provincia Eomana auetoritate apostolica deputatis.

'Dudum ad audientiam nostri apostolatus perdueto, quod nonnulli profane multitudinis viri, qui vulgariter fratricelli seu fratres de paupere vita' etc. wie in der Decretale 'Sancta romana et universalis ecclesia' mit einer unbedeutenden Auslassung bis 'virtutes serere ac vitia radicitus extirpare'. Nun folgendes Mandat:

Sane, quia sicut habet multorum insinuatio fide digna, adhuc non- nulli de diversis mundi partibus velut in reprobum sensum dati, unam de religionibus aprobatis per sedem apostolicam ingredi contempnentes predictorum fratricellorum seu fratrum de vita paupere seu alterius nove religionis assumere habitum congregationes et conventiculas facere ac loca construere, in quibus in communi habitare, divina celebrare seu profanare verius ac publice mendicare presumptione dampnabili non verentur et ut suam nequitiam pallient et occultent nonnulli eorum re- gulam ordinis fratrum minorum, quam beatus Franciscus instituit, se profiteri asserant et ad litteram se servare confingunt; discretioni vestre districte preeipimus et mandamus, quatinus vos et vestrum qui- libet, omnes et singulos, qui sub quovis nomine vel colore sectam pre- dictam absque apostolice sedis licentia post prefatam constitutionem assumpserunt vel attemptabunt assumere in posterum, diebus dominicis et aliis, de quibus expedire videritis , in ecclesiis et locis Urbis et ro- mane provincie ac Patrimonii beati Petri in Tuscia et partium vicinarum exeommunicatos publice nuntietis. Et quia in errorum baratrum fa- ciliter ruunt, qui coneeptus proprios patrum definitionibus anteponunt, nos vitam talium habentes non indigne suspectam, huiusmodi mandatis nostris subiungimus , quatinus ne sub ovina pelle gregem dominicum truculencia lupi rapacis invadat, in locis vestre iurisdictioni subiectis

Archiv für Literatur- und Kirchengeschichte. IV. 2

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Franz Ehrle,

de vita talium et conversatione ipsorum, qualiter ne de articulis fidei et potestate clavium ecclesie ac ecclesiasticis sacramentis sentiant, vos simpliciter et de piano ac sine strepitu et figura iudicii informare cu- retis, ac in illos, quos culpabiles repereritis nisi abiuratis sponte pre- dictis erroribus penituerint et satisfactionem exhibuerint competentem, exercere curetis debitam ultionem. Tenorem autem predicte constitutio- nis sub bulla nostra vobis transmittimus, ut eam quotiens et ubi expe- dire videritis, solenniter publicetis. Datum V. idus februarii anno 18° (9. Februar 1334). [f. 249 a, epist. 1274.]

In eundem modum dilectis filiis magistro Petro de Castaneto, archidiacono Belvacensi, capellano nostro, rectori ducatus Spoletani et . . inquisitori heretice pravitatis in provincia sancti Francisci auctori- tate apostolica deputato, verbis competentibus mutatis.

In eundem modum episcopo Perusino.

Item in eundem modum venerabilibus fratribus Eaymundo Casinen/ky Campanie Maritimeque rectori ac universis episcopis per easdem Campaniam et Maritimam constitutis v. c. m.

Item in eundem modum archiepiscopo Pisano eiusque suf- fraganeis v. c. m.

7. Eis dem fratri Angelo episcopo Viterbiensi, Phi- lippo de Cabarlhaco ac . . inquisitori heretice pravitatis in Patrimonio etürbe predictis ac provincia romana auc- toritate apostolica deputatis. Dudum ad audientiam aposto- lice sedis multorum insinuatione perducto, quod nonnulli profane multitu- dinis viri, qui vulgariter fratricelli etc. wie in der Decretale 'Sancta romana et universalis ecclesia'. Nach der Erwähnung der durch Bonifaz VIII. erfolgten Cassation der Erlaubniss Colestins folgt der ganze Wortlaut der Decretale 'Sancta romana et universalis' mit dem folgenden Mandat:

'Sane quia sectam prefatam non resurgere sed abolitam remanere perpetuo predictamque inviolabiliter observari sententiam plenis desi- deriis affectamus, ad quod expedire quam plurimum credimus, processum et sententiam huiusmodi sepius presente fidelium multitudine publicari; discretioni vestre per apostolica scripta in virtute obedientie districtius iniungendo mandamus, quatinus vos et quilibet vestrum per vos et aiios viros religiosos et seculares, exemptos et non exemptos, de quibus vobis videbitur, quos ad hoc, non obstantibus exemptionis et quibusvis aliis privilegiis eis vel eorum ordinibus aut locis sub quacunque forma vel expressione verborum concessis compellere per censuram ecclesiasticam appellatione postposita valeatis, singulis diebus dominicis et festivis in ecclesiis et locis Urbis et romane provincie ac patrimonii beati Petri in Tuscia et partium vicinarum ac in sermonibus publicis , de quibus expedire cognoveritis, eosdem processum et sententiam, dum clerus et

Die Spiritualen.

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populus ad divina vel sermones audiendos convenerint, publicantes omnes et singulos sectam huiusmodi observantes generaliter nec non nomina- tim illos, quos vobis summarie, simpliciter et de piano ac sine strepitu et figura iudicii constitit in premissam incidisse sententiam, excommuni- catos denunciare singulis diebus dominicis et festivis in eisdem eccle- siis, locis et ser'monibus publice procuretis. Et quia sine fautoribus et receptatoribus diu pestilentes homines huiusmodi latere non poterunt nec durare, diebus dominicis et aliis solennibus presente fidelium multi- tudine copiosa sub excommunicationis pena et aliis, que fautoribus et receptatoribus talium per iura canonica sunt inflicte, ut a fautoria, re- ceptatione et defensione illorum publica et occulta debeant abstinere, moneatis et efficaciter inducatis; contra non parentes monitioni huius- modi ad denuntiationem infüctarum et inflictionem comminatarum pe- narum huiusmodi et alias, prout expedire videritis, apostolica auctoritate simpliciter de piano absque strepitu et figura iudicii iuxta statuta ca- nonum et privilegia concessa inquisitionis officio procedendo , invocato ad hoc, si necesse fuerit, auxilio brachii secularis. Volumus autem, quod de publicatione, monitione, nunciatione et aliis supradictis confici faciatis publica instrumenta, illa nobis postmodum fideliter transmissuri. Datum Avinione V. idus februarii anno 18° (9. Februar 1334). [f. 250 a, epist. 1275.]

In eundem modum an die oben nach n. 6 Genannten.

8. Venerabiii fratri Angelo episcopo Viterbiensi nostro in spir itualibus in Urbe vicario et dilecto filio Symoni Philippi de Spoleto ordinis fratrum minorum in- quisitori heretice pravitatis in Urbe et provincia ro- mana auctoritate apostolica deputatis. Ad nostri aposto- latus pervenit auditum, quod ad tuam fili inquisitor dudum perducto notitiam , quod quidam pestilentes homines , qui se faciunt fratricellos seu fratres de paupere vita vulgariter nominari, quorum secta, ritus et status dampnati et sub excommunicationis pena promulgata in quos- cunque presumentes contrarium, perpetue prohibitioni subiecti dudum per sedem apostolicam extiterunt, in Urbe et circumvicinis partibus occulte quandoque et interdum publice morabantur, pessimas hereses et errores dampnatissimos profitentes et etiam seminantes, quibus alios inficere periculose nimium satagebant ; tu volens, exequendo debitum in- quisitionis tibi commissi officii, ut tenebaris, procedere contra eos ac fautores, receptatores et consiliatores ipsorum, certos processus fecisti et sententias post eorum confessiones exigente iustitia protulisti. Sane quia nonnulli alii tarn principales quam receptatores, fautores et con- siliatores ipsorum in partibus supradictis esse dicuntur; nos cupientes huiusmodi et alios hereses et errores de illis et aliis partibus radicitus

2*

20

Franz Ehrle,

extirpari , discretioni vestre per apostolica scripta in virtute sancte obedientie districtius iniungendo mandamus, quatinus tu frater episcope ordinaria, qua ratione vicariatus nostri in Urbe fungeris, et tu inquisi- tor prefate apostolica auctoritate et vestrum quilibet processus predictos, si quod in eis restat ad perficiendum, complentes et ad finem debitum perducentes, omnes et singulos clericos et laicos, cuiuscunque status, ordinis vel conditionis existant, sectam, ritum et statum predictos per dictam sedem, ut predicitur, dampnatos sectantes, excommunicatos pu- blice in ecclesiis et locis dictarum Urbis et partium vicinarum, de quibus vobis videbitur, nuncietis et faciatis etiam nunciari. Adversus eos vero, quos de heresibus et erroribus huiusmodi culpabiles vel hereticorum fautores, receptatores, adiutores vel consiliarios, summarie, simpliciter et de piano sine strepitu et figura iudicii repereritis iuxta statuta canonum et privilegia concessa inquisitionis officio , adhibendo tarn super hiis dictis hereticis, fautoribus, receptatoribus, valitoribus et consiliatoribus perquirendis et investigandis viriliter, invocato ad hoc, si necesse fuerit, brachii secularis auxilio, procedatis. Et ut fideles a talium infectione valeant cautius precavere, per ecclesias et loca Urbis et partium pre- dictarum, de quibus videbitis expedire, presente cleri et populi copiosa multitudine, dum ad divina vel sermones audiendos convenerint, solenni- ter et publice moneatis, per vos et alios, religiosos et seculares, quos ad hoc per censuram ecclesiasticam appellatione postposita compellere possitis, si necesse fuerit, non obstantibus quibusvis exemptionis vel aliis privilegiis eis vel eorum locis seu ordinibus sub quacunque forma vel expressione verborum ab eadem sede concessis, etiam si de illis esset de verbo ad verbum specialis et expressa mentio in presentibus fa- cienda, ut nullus eosdem fratricellos seu frätres de paupere vita vel quosvis alios habitum, ritum et statum eorum sectantes seu tenentes vel ipsorum aliquem receptet aut eis vel eorum alicui faveat seu prestet per se vel alium directe vel indirecte, publice vel occulte auxilium, con- silium vel favorem ; et qui aliquos fratricellos predictos , quos de fide catholica merito reputamus suspectos, aut aliquem sciverint, vobis aut alteri vestrum statim, cum commode poterit, per se vel per litteras aut nuncium manifestare ac denunciare absque palliatione quacunque pro- curent; alioquin qui monitioni huiusmodi, postquam ad eorum noticiam pervenerit vel per ipsos steterit, quominus potuerit pervenisse, non pa- ruerint cum effectu, personas videlicet singulares ecclesiasticas excom- municationis, communitates vero, universitates ac collegia, que in pre- missis et circa ea deliquerint, interdicti sententiis ex tunc preter penas alias contra fautores, receptatores et consiliatores hereticorum a iure inflictas subiacere volumus ipso facto. Datum Avinione III. idus februarii 18° (11. Februar 1334). [f. 251a, epist. 1276. J

Die Spiritualen.

21

Obgleich die in den oben mitgetheilten Inquisitionsacten ent- haltenen Angaben aufs beste zum Briefwechsel Angelo's stimmen, so hielt ich es doch für besser, dieselben getrennt vorzulegen, da eben doch der Werth und Charakter dieser beiden Quellen ein sehr verschiedener ist und dieselben ja auch verschiedenen Epochen angehören. Erst diese Acten erschliessen uns das volle Verständniss der so viel umstrittenen Decretale 'Sanda romana et universalis ecclesia'; andererseits zeigt uns aber auch wieder jener Briefwechsel, dass die Organisation, welche wir 1334 bei den Anhängern Angelo's finden, in ihren wesentlichen Zügen über das Jahr 1317 zurückreicht.

Wir wissen also nun, dass Angelo 1318, statt in den Orden der Cölestiner überzutreten und seine Genossenschaft aufzulösen, wie der der competenten kirchlichen Behörde schuldige Gehorsam von ihm for- derte, vielmehr nach seiner Rückkehr nach Italien fortfuhr, seine Brüder in der bisherigen Weise zusammenzuhalten und zu leiten. Bereits 1317 hatten sie, wie Johann XXII. klagt1, gegen die canonischen Be- stimmungen eine neue religiöse Genossenschaft gegründet, sich Ministri, Custoden und Guardiane bestellt, nahmen neue Mitglieder auf, hatten neue Niederlassungen gegründet, in welchen sie ein gemeinsames Leben führten, sammelten Almosen. Im Jahre 1334 nun finden wir wirklich Angelo als Generalminister 2 an ihrer Spitze, hören von frater Paulus de Assisio, 'qui est vel dicitur minister provincialis in provincia beati Francisci' 3, es wird eine Reihe von Guardianen aufgezählt4. Angelo hat, wie es dem Generalminister zustand, einen Secretär (socius) zur Seite, durch welchen er die Niederlassungen visitiren lässt5; er führt ein Siegel6, gibt Obedienzen7, d. h. weist den Brüdern ihren Aufent- haltsort an, erlässt Rundschreiben 8. Wir sehen den Provinzialminister Brüder in den Orden aufnehmen9; die Aufzunehmenden versprechen bei ihrer Professablegung nicht nur die Regel des hl. Franz, sondern auch dessen Testament zu beobachten 10.

1 In der Decretale 'Sancta romana et universalis ecclesia'. Es lässt sich freilich nicht im einzelnen nachweisen, dass die folgende Schilderung sich auf jede der in der Decretale genannten Gruppen beziehe. Da jedoch die übrigen Angaben vor allem auf die Gruppe Angelo's passen, so dürfte dieselbe doch wohl auch hier vor allem gemeint sein.

2 Oben S. 9. 11. 3 D. h. von Umbrien. Oben S. 9, Z. 23.

* Oben S. 9. 10. 5 Oben S. 10, Z. 10. 6 Oben S. 14, Z. 41.

« Oben S. 9, Z. 33. 8 Oben S. 14, Z. 35. 9 Oben S. 9, Z. 23,

Oben S. 9, Z. 21.

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Franz Ehrle,

In Rom selbst hatten sie eine Niederlassung (locus) bei St. Johann ante Portam latinam *, in Marino in St. Jacob 2, in ecclesia S. Lucie prope Castrum S. Gregorii 3, S. Blasii de castro Poli positi in silva4, zwei italienische Meilen davon ist eine andere Niederlassung in Monte S. Marie 5, 'S. Pastoris de Gallicano' 6, 'S. Marie de Gallicano' \ 'locus prope Tibur in Cole Comitis' 8, 'ecclesia S. Marie de Monte de terri- torio Cole Comitis dioc. Tiburtine' 9, 'locus Silve Mattutine* 10. Noch tiefer im Sabiner- Gebirg lagen die Niederlassungen 'ecclesia S. Marie de Limandrillis de Cicigliano' u, sowie der 'locus Poccaglie' 12. Ferner werden erwähnt 'locus S. Marie de Rapichiano in territorio Spelli dioc.

1 S. diese Zeitschr. I, 534 und oben S. 14, Z. 21. 25. Casimiro da Roma Min. Oss., Memorie storiche delle chiese e dei conventi dei frati rninori della Provincia Romana. Roma 1744, p. 321 s. Nach ihm erhielten die Clarener 1473 S. Girolamo della Carita, später S. Bartolommeo in Isola.

2 S. diese Zeitschr. I, 538 und oben S. 11, Z. 28.

3 Oben S. 11, Z. 22; S. 12, Z. 3 ; S. 10, Z. 6 heisst es 'in ecclesia S. Lucie et S. Gregorii prope Tibur ad V milliaria', also wohl S. Gregorio da Sassola zwischen Tivoli und Poli. Nordöstlich davon liegt hei Ponüe Vicino gegen die Höhen des Monte Piccione hin Colle S. Lucia.

4 Oben S. 10, Z. 1.

5 L. c. 'prope supradictum locum (bei Poli) ad duo milliaria in Monte S. Marie'. Vgl. Bonav. Theuli di Velletri 0. Min. Conv., Apparato minoritico della provincia Romana. Velletri 1648 p. 175 sagt von dem damals von den Conventualen besetzten Convent von Poli: 'e sotto il titolo di S. Maria dei Monte, per il sito nel quäle sta posto quasi due miglie dalla terra sopra un monte . . . dove anticamente era un castello popolato, che si chiamava Castel S. Angelo.'

6 Oben S. 10, Z. 8. Jetzt das Landhaus des deutschen Collegs in Rom. ' Oben S. 10, Z. 10. Gallicano bei Zagarolo. Von diesem Convent sagt

Theuli (1. c. p. 174): 'e sotto il titolo di S. Maria della Valle degli Angioli in una valle di tal nome.'

8 Wohl identisch mit der folgenden Niederlassung, s. oben S. 13, Z. 13 und f. 80.

9 In keiner der Localgeschichten Tivoli's (Del Re, Viola, Bulgarini) noch auf dem entsprechenden Blatt der Generalstabskarte fand ich eine Andeutung über diese Oertlichkeit. Der Wortlaut der zweiten Stelle zeigt, dass die Ansiedlung auf dem Territorium des Grafen Nicola Conti lag.

10 Oben S. 9, Z. 33. Auf der Generalstabskarte findet sich zwischen Tivoli und Gallicano eine Oertlichkeit mit dem Namen 'Stella mattutina' verzeichnet.

11 Oben S. 10, Z. 32. Jetzt Siciliano, Prov. und Distr. Rom, östlich von Tivoli.

12 Oben S. 12, Z. 35. Jetzt Pozzaglia, Prov. Perugia, Distr. Rieti . bei Canemorto.

Die Spiritualen.

23

Spoletane' 1 und 'locus Colliscelli prope Ascisium' 2. Selbstverständ- lich sind dies wohl nicht alle Niederlassungen, welche die Clarener in der römischen Provinz besassen, sondern nur jene, welche bei diesen Verhören zufällig genannt wurden. Ausserdem finden wir einen Pro- vinzialminister von ümbrien; eine weitere Provinz war wohl in der Mark von Ancona. Die Wahl dieser Convente und die bedeutende Zahl derselben zwischen Tivoli und Subiaco bestimmte wohl die Gewogenheit der in diesen Gegenden gebietenden Herren, des Abtes von Subiaco und vielleicht auch der Grafen Conti in Poli, von welchen Stephan Conti als Beschützer der Fraticellen noch 1466 in den Kerker von Castel S. Angelo wanderte 3. Sodann lag auch Palestrina in der Nähe, wo mit Jacopone da Todi schon im Ausgang des 13. Jahrhunderts die Reformpartei einen ihrer Hauptsitze gehabt haben soll.

Die Niederlassungen waren mit wenigen Ausnahmen, wie schon ihre abgelegene Lage vermuthen lässt, wirkliche Eremitorien. Es passte auf sie der Ausdruck Angelo's in der Aufschrift eines seiner Briefe: 'Paupertatis et humilitatis Christi amatoribus in remotis a seculo 1 o c i s servientibus' 4. Selbstverständlich sind sie allein die wahren 'fratres minores'; die Brüder der Communität sind, weil sie die Regel des hl. Franz nicht 'ad litteram' beobachten, auf dem Wege zum ewigen Verderben5. Johann XXII. ist ihnen als Zerstörer des evangelischen Lebens Christi, das nach ihnen auch den gemeinsamen Besitz ausschloss, kein wahrer Papst ; seine Constitutionen sind daher null und nichtig 6. Auch die Prälaten und andere Ordensleute werden wegen ihrer Miss- achtung der Armuth von ihnen dem ewigen Verderben anheimgegeben \ Dem hl. Silvester und Constantin wird ihre Bereicherung der Kirche als schwere Schuld angerechnet 8. Ja wir hören sogar schon jene oben besprochene Häresie: die Priester und kirchlichen Oberen gehen durch eine schwere Sünde ihrer priesterlichen Würde verlustig 9. Einen natio- nalen Anflug hat die Klage über den Aufenthalt der Curie jenseits der Alpen 10.

Das compromittirendste Geständniss ist nach meiner Ansicht das auf die unsittlichen Gebräuche der Secte vom freien Geist bezügliche. Dass dieser unreine Geist, von dessen Treiben wir noch unten in meh- reren Processen Kunde erhalten werden, auch in die Genossenschaft

1 S. oben S. 9, Z. 27. 2 S. oben S. 14, Z. 11. 3 S. unten Abth. 3. * S. diese Zeitschr. I, 539. 5 S. oben S. 9, Z. 12; S. 11, Z. 12.

« S. oben S. 9. 11. 12. 1 S. oben S. 11. 12.

8 S. oben S. 13, Z. 22. Aehnliche Ideen bei den Waldensern, besonders aber bei den Pseudoaposteln Dolcinos und den Beginnen, oben S. 5.

9 S. oben S. 11, Z. 35. 10 S. oben S. 9, Z. 10.

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Franz Ehrle,

Angelo's sich einschlich, darf uns nicht wundernehmen, hatte er ja doch durch fr. Bentevenga seihst in die umhrische Ordensprovinz Ein- lass gefunden. Wir müssen daher die örtliche und zeitliche Ausbrei- tung dieser abscheulichen Häresie unter den Clarenern genauer kennen, bevor wir uns mit Abscheu von ihrer ganzen Genossenschaft abwenden. Doch die hierauf bezüglichen Untersuchungen können wir erst im folgen- den Abschnitt anstellen.

Von Interesse sind auch die Angaben über Angelo , welche mit seinem Briefwechsel aufs genaueste übereinstimmen. Vor allem ist die Nachricht über dessen Namenswechsel zu beachten1, über welche ich bereits früher2 das Nöthige bemerkt habe. Sein Name lautet hier 'fr.' Angelus de Marchia' oder 'fr. Angelus Clareni de Marchia' 3. Wie wir schon aus seinen Briefen wussten, lebte er in einem Versteck bei Sub- iaco unter der Obhut des dortigen Abtes4, der sich seiner Leitung völlig hingab. Von hier aus leitete er durch eine ausgebreitete Corre- spondenz seine den verschiedensten Ständen angehörigen Pflegbefohlenen und Freunde. Hiervon erhielt der Guardian von Aracoeli in Born Nach- richt, was alsbald auch in Avignon bekannt wurde. Er wurde daher durch das oben mitgetheilte Schreiben in Verbindung mit dem Inquisi- tor fr. Simon mit der Gefangennahme Angelo's beauftragt. Um jedoch gegen den Willen des Abtes einen solchen Auftrag zur Ausführung zu bringen, hätte es wohl einer nicht unbedeutenden Streitmacht bedurft. Der Guardian musste sich daher darauf beschränken, vom Abte Angelo's Auslieferung zu verlangen, die natürlich verweigert wurde5. Offenbar erhielt jedoch Angelo Kunde von den gegen ihn und die Seinen gerichte- ten päpstlichen Schreiben. Seine Entfernung von Subiaco war nun mindestens im Interesse des Abtes geboten. Es war daher zunächst die Rede von seiner Flucht nach der Mark6. Ob dieselbe zur Ausfüh- rung kam und Angelo erst von dort sich weiter nach der Basilicata flüchtete , oder ob jenes Gerücht nur verbreitet wurde, um seine Ver-

1 S. oben S. 9, Z. 29. 2 S. diese Zeitschr. III, 406.

3 S. oben S. 9. 11. 12. 13.

* S. oben S. 11. 12. 14. Vgl. den Briefwechsel Angelo's in dieser Zeitschr. I, 550 s., wo mehrere von Subiaco geschriebene Briefe, s. besonders S. 553. Wie wir aus dem Chromeon Suhlacense (Muratori, SS. rer. ital. XXIV, 964) ersehen, handelt es sich hier um Abt Bartholomäus (1332 1352). Derselbe wird als Reformator des Klosters gepriesen. 'Nam honestas personas et re- ligiosos viros ex diversis partibus congregans summo studio dictam Specu in spiritualibus et temporalibus reformavit.' Zu diesen 'geistlichen' Personen ge- hörte wohl auch Angelo und dessen berühmter Schüler, der Augustiner Simon de Cassia.

5 S. oben S. 14. 16. 6 S. oben S. 14, Z. 27.

Die Spiritualen.

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folger irre zu führen, konnte ich bisher nicht feststellen. Angelo starb 'in loco S. Marie de Aspro' in der Diöcese von Marsico in der Basilicata am 15. Juli 1337 *.

Ueber die weiteren Schicksale seiner Genossenschaft, deren Mitglieder wenigstens im 15. Jahrhundert als Clarener bezeichnet wurden, werde ich die wenigen uns noch erhaltenen Notizen in den beiden folgenden Abschnitten über die Fraticellen und die Anfänge der Reform mittheilen.

b. Die Spiritualen von Tuscien.

Nach Wadding 2 verzeichnete Jakob da Tundo in seiner noch nicht wieder aufgefundenen Chronik bereits zu den ersten Jahren des 14. Jahrhunderts das Auftreten einer spiritualistischen Partei in Tuscien. Dieselbe datirte freilich in ihren Keimen aus den ersten Zeiten des Ordens her, hatte sich während des allerdings kurzen Aufenthaltes Olivi's 3 in St. Croce entwickelt und besass, wie ich vermuthe, in Ubertino von Casale * einen ebenso eifrigen als fähigen Führer. Doch am meisten trug wohl zur Ausbrei- tung und Befestigung der Partei der Verfall der Ordensdisciplin bei, welcher, wenn wir Ubertino 5 glauben dürfen, in Tuscien und den angrenzenden Provinzen besonders stark zu Tage trat. Die Erstarkung der Spiritualen reizte, wie wir schon in der Mark beobachteten, die Communität zu gewaltthätigerem Vor- gehen. Selbstverständlich mehrten sich mit der Verschärfung der Gegensätze diese Vergewaltigungen gegen die spiritualistische Minderheit zur Zeit der Avignoner Verhandlungen und des Con- cils von Vienne. Dies hebt Angelo sowohl in einem seiner Briefe vom Ende 1312 oder Anfang 1313 als in seiner 'historia tribul.' hervor6. Durch diese Drangsale Hessen sich die Spiritualen von

i S. diese Zeitschr. I, 520.

* Wadding ad an. 1307, n. 4. g. diese Zeitschr. II, S. 389, Z. 7.

4 Derselbe hielt sich zu Zeiten in Alvernia auf, welches zur tuscischen Provinz gehörte nicht in der Auvergne, wie Rietzler (Die literarischen Widersacher S. 72) vermuthete. Später finden wir ihn zuweilen in Perugia. S. diese Zeitschr. II, 132.

5 S. diese Zeitschr. III, 67. 68. 173. e S. diese Zeitschr. I, 544; II, 318.

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Franz Ehrle,

Tuscien gerade in dem für ihre ganze Partei kritischsten Mo- ment zu einem Schritte hinreissen, welcher für sie und ihre Genossen aller Länder geradezu verhängnissvoll wurde.

Sie wandten sich nämlich in ihrer Noth *, in der ihnen leider der Eath Ubertino's fehlte, an einen von ihnen hochverehrten Begular- canoniker, Martinus von Siena, und legten ihm ihren Plan vor, sich der Gewalt ihrer Bedränger zu entziehen , sich in abgesonderten Con- venten zu vereinen und ihre eigenen Oberen zu wählen. Martin , der zumal vom Stand der Angelegenheit am päpstlichen Hofe keine Ahnung hatte, billigte ihr Vorhaben aufs entschiedenste und erbot sich, ihr Vor- gehen vor Papst und Cardinälen zu vertheidigen. Gesagt, gethan. Nach geheimer Verabredung verliess eine nicht unbedeutende Zahl von Spiri- tualen zumal aus den Custodien Florenz, Arezzo und Siena ihre Con- vente 2. Einige von ihnen besetzten die Convente von Carmignano (bei Florenz), Arezzo und Asciano (bei Siena), in welchen wohl die Ihrigen die Mehrheit bildeten, verjagten aus ihnen mit Hilfe ihrer Freunde ge- waltsam die der Communität anhängenden Brüder und vertheidigten sich mit Waffengewalt in den so gewonnenen Behausungen gegen die Verjagten und ihre Helfershelfer. Ein ähnlicher Anschlag auf Colle (bei Siena) scheint missglückt zu sein. Andere Aufständische begaben sich in Häuser, welche ihnen von Freunden überlassen wurden 3. Noch andere endlich der Ordensprocurator Raimund von Fronsac gibt ihre Zahl auf 49 an flohen, sei es gleich anfangs, sei es auf die erste Kunde von den gegen sie erlassenen päpstlichen Schreiben, nach Si- cilien * Diese Schilderhebung der tuscischen Spiritualen erfolgte in der zweiten Hälfte des Jahres 1312 oder Anfang 1313 5.

1 S. den Bericht der 'historia tribul.' in dieser Zeitschr. II, 139; vgl. III, 31 s.

2 Ausser den oben erwähnten Quellen vgl. das gleich zu besprechende Schreiben des Priors Bernard bei (Papini) Notizie sicure p. 246. 259 ; vgl. diese Zeitschr. I, 157.

8 (Papini) Notizie sicure p. 246. + S. diese Zeitschr. III, 31.

5 Der Prior Bernard erwähnt bereits am 15. Februar 1314 die Flucht, indem er schreibt : 'quin imo excogitata malitia, prout audivimus et evidentia facti probat, ad securiorem et longiorem perseverantiam huiusmodi rebellionis et contumaciae vestrae et ad quandam elusionem et contemptum sie expressae voluntatis et mandati domini papae, ad quod implendum vos debere compelli per suas speciales litteras noveratis, ad alia loca peregrina et nobis incognita vos publice et notarie contulistis' (s. Papini, Notizie sicure p. 247). Die hier erwähnten päpstlichen Schreiben sind vom 15. Juli 1313 datirt; es muss also

Die Spiritualen.

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Als die Nachricht von diesen Vorgängen an der Curie eintraf, war die Hauptfrage über die Gestattung der Abtrennung der Spiritualen von der Connnunität noch in der Schwebe, aber der Entscheidung nahe. "Wenn Clemens und Cardinäle je geneigt waren, die von den Eiferern so heiss ersehnte Selbständigung zuzugestehen, so war der Eindruck der Nachricht ein derartiger, dass von nun an hiervon keine Eede mehr sein konnte *, Dies eigenmächtige und gewaltsame Vorgehen zeigte, dass hier Elemente mitwirkten, welchen ein freierer Spielraum nicht gestattet werden konnte.

Clemens beauftragte durch Schreiben 2 vom 15. Juli 1313 den Erz- bischof von Genua und die Bischöfe von Bologna und Lucca, die Be- bellen unter Androhung der Excommunication in ihre Convente und unter den Gehorsam ihrer rechtmässigen Obern zurückzuführen. Die drei Prälaten delegirten zur Einleitung der bezüglichen Processe Bernard, Prior von S. Pedele in Siena. Derselbe forderte durch ein Schreiben 3 vom 15. Februar 1314 34 namentlich aufgeführte Spiritualen auf, den Befehlen des Papstes Folge zu leisten. Da die meisten dieser Mah- nung kein Gehör gaben, so sprach er in einem weitern Actenstücke vom 24. Mai 1314 die Excommunication über ihre Personen und das Interdict über ihre Convente aus. Schon vor dem Prior Bernard war auch der Bischof von Florenz und der Inquisitor fr. Grimaldus von Prato gegen die Aufständischen mit Processen und Strafsentenzen vorgegangen. Gegen ihre Sprüche legten letztere Berufung durch ein Actenstück vom 7. Juli 1313 ein, von welchem uns nur einige Stellen bei Papini * erhalten zu sein scheinen. In ihm hielten sie, wie der ge- nannte Autor berichtet, mit Benützung der Avignoner Streitschriften, der Communität eine Menge Uebertretungen der Regel vor.

Die Spiritualen, welche den Strafsentenzen Trotz boten, konnten sich wohl nur kurze Zeit in ihren Conventen halten. Sie folgten, wie ich vermuthe, bald den gleich zu Anfang der Erhebung nach Sicilien

die Flucht in der ersten Hälfte des Jahres 1313 erfolgt sein. Ferner, wie wir aus der 'historia tribul.' ersehen, wurde dieser Aufstand in Avignon bekannt, bevor die Frage der Abtrennung entschieden war ; diese Entscheidung scheint aber gegen den Herbst 1313 erfolgt zu sein (s. unten S. 34). Vgl. auch die Con- stitution Johanns XXII. 'Gloriosam ecclesiam' bei Wadding ad an. 1318, n. 12.

1 S. hierüber den Bericht der 'bistoria tribul.' in dieser Zeitschr. II, 139.

2 S. dieselben bei Wadding ad an. 1313, n. 5. 6; vgl. oben S. 31, cap. 2.

3 (Papini) Notizie sicure p. 244 s. Gleichzeitige Copien dieser Acten- stücke sah ich unter den Pergamentrollen aus S. Croce im Florentiner Staats- archiv.

4 Notizie sicure p. 264.

Franz Ehrle,

Geflüchteten nach. Dies scheint auch Johann XXII. in dem speciell gegen diese Gruppe erlassenen Schreiben 'Gloriosam ecclesiam' 1 anzudeuten.

Die weiteren Schicksale dieser Flüchtlinge gehören in den folgenden Abschnitt zur Geschichte der Fraticellen.

o. Die Spiritualen der Provence.

Ueber den Ursprung der Reformpartei in der Provence sind wir, soviel ich sehe, auf Vermuthungen angewiesen. Dass jene Gegend im 13. Jahrhundert für hochgradigen religiösen Mysticis- mus und ungesunde Sectenbildung ein fruchtbares Erdreich war, zeigt nicht nur ihre Betheiligung an der Albigenser- und Waldenser- bewegung, sondern vorzüglich auch die in der Bevölkerung herr- schende Stimmung, welche noch während der letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts in Albi, Carcassonne und Narbonne das Ein- schreiten der Inquisition 2 herbeiführte und einen wilden Aufstand gegen diese kirchliche Behörde hervorrief. Unter dieser Bezie- hung ist Haureau's Buch über Bernard Delicieux lehrreich , ob- gleich in ihm manche Personen und Ereignisse nicht im richtigen Lichte erscheinen. Die einzige Persönlichkeit, welche in jenen Gegenden als Vorläufer Olivi's bezeichnet werden könnte, ist Hugo von Digne3, über welchen uns Salimbene so viel zu er- zählen weiss. Derselbe wohnte 1248 im Convent von Hyeres4, wo ihn Salimbene 1248 und 1249 mehrmals besuchte. 'Fuit fratris Johannis de Parma intimus et magnus amicus . . . unus de maioribus clericis de mundo et magnus Joachyta/ 5 Als be- geisterter Anhänger Joachims und inniger Freund Johanns von Parma musste doch wohl Hugo auch ein eifriger Spirituale sein. Hierzu stimmt ein weiteres Epitheton, welches Salimbene obiger Charakteristik anfügt: 'spiritualis homo ultra modum, ita ut alterum Paulum crederes te videre seu alterum Helyseum' 6. Es

1 S. diese Zeitschr. III, 27.

2 Wie viel die Inquisitoren in der Grafschaft Provence damals zu tlnm hatten, zeigt ein Blick auf den 'liber sententiarum inquisitionis Tolosanae' ed. Limborch.

3 Salimbene, Chronicon ed. Parmensis p. 96.

4 Salimbene 1. c. p. 100. 101.

5 Salimbene 1. c. p. 319 ; vgl. pp. 96—125, besonders pp. 98. 138.

6 Salimbene 1. c. p. 97.

Die Spiritualen.

29

scheint mir daher sehr wahrscheinlich, dass die spiritualistischen Tendenzen in der Provence durch Hugo wenigstens gestärkt und gefördert wurden.

Die eigentliche Ausbildung der provencalischen Gruppe der Spiritualen dagegen war ohne Zweifel das Werk Olivi's. Ueber ihre lange Leidensgeschichte bis gegen die Zeit der Avignoner Verhandlungen (1309 1312) habe ich bereits in der Biographie jenes grossen Spiritualen berichtet. Ich nehme daher die Er- zählung nur vom Jahre 1309 wieder auf, in dem diese Gruppe zum erstenmal als geschlossene Partei in die 0 Öffentlichkeit tritt.

Wie aus dem früher Gesagten erhellt, bestand schon in den letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts in den provencalischen Conventen eine nicht nur durch ihre Zahl l, sondern auch durch ihre Festigkeit und Entschlossenheit beachtenswerthe Reformpartei. Ihre Mitglieder lebten unter den übrigen Brüdern zerstreut, doch scheinen sie, zumal in den Conventen von Narbonne, wo Olivi seine letzten Lebensjahre zugebracht hatte und gestorben war, und in denen von Beziers und Carcassonne be- sonders zahlreich vertreten gewesen zu sein. Viele derselben waren schon seit Jahrzehnten mit einer Menge strenger Strafen bedacht worden, theils weil sie die Schriften Olivi's nicht abliefern wollten, theils weil sie, sich zu einer strengeren Beobachtung der Armuth verpflichtet erachtend, manche Gewohnheiten der Communität als unerlaubt verurtheilten. Hier- bei nahmen manche die ursprüngliche Regel und das Testament, andere die Decretale Nicolaus' III. zur Norm. Doch da diesem Widerstande religiöse Anschauungen und vermeintliche und wahre Gewissenspflichten zu Grunde lagen und es ohne Zweifel vielen Eiferern bei ihrem Vor- gehen heiliger Ernst war, prallten Strafen und Ueberredungskünste gleich machtlos an ihnen ab. Hierdurch wuchs bei der Communität die Erregtheit und die Rücksichtslosigkeit bei der Verfolgung der an- geblichen Häretiker immer mehr. Es hatte daher gegen das Jahr 1309 die Spannung zwischen den beiden Parteien eine bedenkliche Höhe er- reicht. Ein gewaltsamer Ausbruch wurde jedoch dadurch verhütet, dass in dem genannten Jahre die ganze Angelegenheit an der päpstlichen Curie anhängig gemacht wurde.

1 Ubertino spricht (s. diese Zeitschr. III, 192) von 300 Brüdern, welche wegen ihres Reformeifers bestraft worden waren; weitaus die Mehrzahl der- selben gehörte der Provence an. Im Jahre 1317 zogen 64 Spiritualen allein aus den Conventen von Narbonne und Beziers nach Avignon; s. diese Zeit- schrift H, 144.

30

Franz Ehrle,

Ueber die Weise, in welcher dies geschah, liegen uns zwei Ver- sionen vor. Beide stimmen darin überein, dass sie die Verhandlungen mit der Berufung der Häupter der ganzen spiritualistischen Partei an die Curie beginnen lassen, doch geben sie die Veranlassung zu dieser Berufung in verschiedener Weise an. Nach der 'historia tribul.' 1 hätte König Karl II. von Neapel als Graf der Provence auf Betreiben des berühmten Arztes und Mystikers Arnald von Villanova vor 1308 in einem Schreiben den Ordensminister Gonsalvo von Valboa aufgefor- dert, die Bedrückung und Verfolgung der provencalischen Spiritualen abzustellen, widrigenfalls werde er die Sache unmittelbar vor den Papst bringen. Auf diesen Schritt hin habe Gonsalvo, der schon längst nach der Reform der Ordensdisciplin sich sehnte, insgeheim Clemens über die ganze Sachlage verständigt und ihm die Berufung der hervorragend- sten Eiferer anempfohlen. Nach dem Berichte der Communität, d. h. Bonagrazia's von Bergamo 2 und Raymunds von Pronsac 3 dagegen wurde der Papst zu dieser Berufung durch eine Petition bestimmt, welche die Bürgerschaft von Narbonne zu Gunsten der von ihnen hochverehrten Spiritualen am 18. August 1309 einreichten. Die beiden Berichte schliessen sich gegenseitig nicht aus, sie können sehr wohl neben ein- ander bestehen und sich ergänzen. Clemens kann ja von beiden Seiten zu den Verhandlungen veranlasst worden sein. Von Einfluss war viel- leicht auch die bereits 1308 erfolgte Berufung des Vienner Concils, auf welchem man auch diese Angelegenheit bereinigen wollte.

Zunächst zog Clemens, ohne seine eigentliche Absicht kundzugeben, über die zu berufenden Spiritualen von seiten der Ordensoberen Er- kundigungen ein. Dieselben lauteten sehr günstig, wie Ubertino, ohne Widerspruch zu finden, mehrmals behauptete4. Die um den October 1309 von Malaucene 5 aus Berufenen waren neun : der ehemalige Ordens- general Baymund Gaufredi, der ehemalige Provinzialminister Raymund von Ginhac, der Custos von Arles Wilhelm da Cornelione, Guido de Levis 6, Bartholomäus Sicardi, eben als Definitor für Ordenskapitel ge- wählt, Wilhelm von Agantico, Lector in Beziers , die beiden Lectoren

1 S. diese Zeitschr. II, 129. 359. « S. diese Zeitschr. III, 34. 36.

3 S. diese Zeitschr. III, 18, cap. 1. 2.

* Vgl. die Exemptionsbulle bei Wadding ad an. 1310, n. 3 und diese Zeitschr. II, 413; III, 194.

5 S. diese Zeitschr. III, 138, Anm. 6.

6 Derselbe ist wohl identisch mit Guido von Mirepoix, von dem Angelo und Ubertino sprechen; s. diese Zeitschr. II, 129. 133. 365. 372. 377; vgl. vor allem das Exemptionsschreiben vom 14. April 1310 bei Wadding ad an. 1310, n. 3.

Die Spiritualen.

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Petrus Raymundi de Cornelione und Petrus Malodii und Ubertino von Casale. In ihrem Namen sprach anfangs Raymund Gaufredi 1. Als derselbe jedoch bald nach dem 14. April 1310 mit Guido von Mirepoix und Raymund von Ginhac starb wie das Gerücht ging, durch Gift 2 , übernahm Ubertino die Führerschaft. Auch von Petrus Malodii ist in der Folge nie mehr die Rede; es werden nur mehr die übrigen fünf Brüder aufgezählt 3. Zunächst wurden ihnen vier Fragepunkte vor- gelegt, deren Beantwortung die lange Reihe der Streitschriften eröff- nete, über welche ich bereits oben ausführlich berichtet habe.

Den Berufenen standen von seiten der Communität zwei Gruppen entgegen. Zunächst der Ordensminister Gonsalvo von Valboa4; als Räthe waren ihm zur Seite : Vitalis da Furno, damals Provinzialminister von Aquitanien, 1312 Cardinal; Alexander von Alessandria, damals Provinzialminister von Terra di Lavoro, 1313 Generalminister, und die beiden Magistri der Theologie fr. Aegidius, Provinzialminister der Pariser Provinz, und Martin Alnewick. Ausserdem waren der Ordensprocurator Raymund von Fronsac und Bonagrazia von Bergamo zumal mit den juristischen Arbeiten der Vertheidigungen beauftragt5. An die Stelle der eben genannten Räthe des Generalministers traten zur Zeit des Concils vierzehn Provinzialminister und Magistri der Theologie6.

Mit der Leitung der Verhandlungen betraute Clemens einige Car- dinäle, deren Namen ich bereits aufgezählt habe 7. Manche Acte, Pro- teste und Verhöre fanden jedoch in öffentlichen Consistorien vor dem Papste und einer grösseren Zahl von Cardinälen statt. Ausserdem be- theiligte sich wenigstens zeitenweis an einzelnen Verhandlungen ausser den eigentlichen Commissären auch Cardinal Jakob Colonna 8. Für die Prüfung der Irrthümer Olivi's wurden den Cardinälen drei Theologen9 an die Seite gegeben.

Die Führer der Spiritualen wohnten bis gegen den Sommer 1312 im grossen Convent in Avignon mit den Brüdern der Gegenpartei zu- sammen. Da jedoch , wie es nicht anders sein konnte , die Verhand- lungen die Unduldsamkeit und Verfolgungslust dieser letzteren mächtig

1 S. diese Zeitschr. III, 18, c. 3; 19, c. 5; 142.

2 S. diese Zeitschr. II, 133. 377 und III, 141, Anm. 6.

3 S. diese Zeitschr. II, 365. 372. 377. * S. diese Zeitschr. III, 19. 35 s.

5 An der Abfassung eines Actenstückes betheiligte sich mit ihnen auch fr. Wilhelm de Sarzano, Lector in Florenz; s. diese Zeitschr. III, 20.

6 S. diese Zeitschr. II, 356 und III, 39.

1 S. diese Zeitschr. II, 361, Anm. 1 und III, 20.

8 S. diese Zeitschr. II, 378, Z. 21.

9 S. diese Zeitschr. II, 361, Anm. 1, 382. 416 und III, 20, cap. 14.

82

Franz Ehrle,

reizte, befreite Clemens durch ein Schreiben vom 14. April 1310 die Berufenen, bis zu einem gewissen Grade vom Gehorsam und der Ge- richtsbarkeit der Ordensoberen und nahm sie und ihre durch die Pro- vinzen zerstreuten Gesinnungsgenossen in seinen besondern Schutz.

Die Verhandlungen, welche anfangs in Avignon und zur Zeit des Concils in Vienne stattfanden, führten zunächst zu dem dogmatischen Decret und der Constitution 'Exivi deparadiso', welche am 6. Mai 1313 auf der letzten Sitzung des Concils veröffentlicht wurden. Durch jene Constitution wurden die auf die Eeform der Ordensdisciplin bezüglichen Fragen im Sinne des bessern Theils der Communität entschieden. Noch blieb ein zweiter Hauptpunkt zu erledigen. Auf eine langjährige Erfahrung gestützt, sagten die Spiritualen dieser neuen Erklärung der Ordensregel dieselbe Missachtung vorher1, welcher die früheren Acten- stücke dieser Art von Seiten der extremen Praction der Communität verfallen waren. Sodann war dies nicht die Eeform , welche sie an- strebten. Denn gaben sie auch dieser Erklärung den Vorzug vor allen bisher erlassenen 2, so enthielt doch auch sie noch viele ihnen verhasste Milderungen der ursprünglichen 'vita minorum', zu welcher die Eiferer mit Beiseitelassung aller Deutungen und Erklärungen zurückkehren woll- ten 3. Perner schien es ihnen nach den bitteren Erfahrungen langer Jahrzehnte so gut wie unmöglich, unter den Gehorsam und in die Lebens- gemeinschaft ihrer Verfolger zurückzukehren, welche durch die Vorgänge der letzten Jahre aufs äusserste gereizt waren. Ihr ganzes Streben war daher nun mehr als je darauf hingerichtet, die Erlaubniss zu einer definitiven Abtrennung vom Orden und zur Bildung einer selbständigen Genossenschaft zu erlangen, für welche einzig die ursprüngliche 'vita minorum' massgebend sein sollte4.

Dass wenigstens vor dem Aufstand der Spiritualen Tusciens Cle- mens dieser Forderung nicht ganz abhold war, scheint mir wahrschein- lich. Denn vor allem zeigt der Ton des den Berufenen ausgestellten Exemptionsschreibens 5 und noch mehr sein gleich zu erwähnendes Vor- gehen gegen die Ordensoberen der Provence, wie weit er in der Be- urtheilung der Reformpartei vom Standpunkt der Communität entfernt war. Von den Cardinälen war Jakob Colonna der mächtigste Be-

1 S. diese Zeitschr. III, 86; vgl. II, 139.

2 S. diese Zeitschr. II, 139. 3 S. diese Zeitschr. II, 416; III, 87.

4 S. diese Zeitschr. II, 415 s. und III, 87 s. 17.

5 Wadding ad an. 1310, n. 3. In ihm bezeichnet er die berufenen Spiri- tualenführer als 'solemnes personae . . . ac magnae et solemnis auctoritatis et zeli . . . quas in eiusdem ordinis regulari observantia zelo dei fervere credimus'.

Die Spiritualen.

33

Schützer der Eiferer % Von Jugend auf mit ihnen innig befreundet 2, sah er viele derselben in den Tagen der Aechtung und Noth treu an seiner Seite ausharren 3. Er hielt Angelo in Avignon (1311 1318) bei sich in seinem Palaste 4 , sandte ihn zu Philipp von Maiorca 5 und konnte sich , so lange er lebte , nicht mehr von ihm trennen. Auch sein Kaplan , fr. Guido , gehörte der Reform an 6. Ohne Zweifel in ihrem Interesse nahm Jakob 1310 und 1311 an den Verhandlungen leb- haften Antheil 7. Er war, wie ich vermuthe, einer der Cardinäle 8, welche Weihegeschenke an das Grab Olivi's sandten und sich zu Gunsten der Brüder von Narbonne aussprachen 9. Ausser Cardinal Jakob Colonna erwiesen sich den Eiferern auch die übrigen italienischen Cardinäle 10 (cardinales latini) günstig, besonders Napoleon Orsini11, ja selbst ein französischer Cardinal, der Cardinal-Bischof von Frascati (Tusculum), Berengar Predeoli 12, wird zweimal unter ihren Gönnern genannt. Hätten sie nicht diesen starken Rückhalt im Cardinalscollegium selbst gehabt, so wäre ihnen sicher der Einfluss ihres Hauptgegners , des Cardinais Johann von Murro , der 1312 durch die Erhebung des fr. Vitalis de Furno verstärkt wurde, schon früher verhängnissvoll geworden.

Unterdessen wuchs die Spannung zwischen den beiden Parteien und die Bedrückung der Eiferer durch die Communität immer mehr. Da die Vertreter der letztern den Berufenen ihre Theilnahme an der im Avignoner Convent üblichen gemilderten Lebensweise zum Vorwurf machten 13 , trennten sich diese im Sommer 1312 von ihnen völlig ab, zogen sich in eine abgelegene Kirche bei Malaucene zurück und nahmen in Kleidung und Lebensart die Strenge der ersten Zeiten des Ordens wieder auf. Dieselbe beobachteten sie auch bei der Kirche von St. La- zarus in Avignon, zu welcher sie im folgenden Winter übersiedelten 14. Auch die Möglichkeit einer solchen Abtrennung scheint mir deutlich zu zeigen, wie günstig damals die Stimmung der Curie für sie war.

In noch viel bedrängterer Lage als die exempten Führer in Avignon befanden sich trotz des päpstlichen Schutzbriefes ihre unter dem Ge- horsam der Communität lebenden Genossen, besonders in Tuscien und

i S. diese Zeitschr. I, 545. 556. 2 A. a. 0. II, 378, Anm. 4.

3 A. a. 0. und oben S. 23. * A. a. 0. I, 549.

5 A. a. 0. S. 543. 6 A. a. 0. S. 550.

» A. a. 0. II, 378, Z. 20; vgl. oben S. 19.

8 A. a. 0. III, 443. 9 S. unten S. 62.

1(> S. diese Zeitschr. I, 545. 556. " A. a. 0. I, 545. 550. 556; vgl. 526 und II, 309.

12 A, a. 0. I, 545, Anm. 1 und oben S. 19, Z. 28.

13 A." a. 0. II, 140. 14 A. a. 0.

Archiv für Literatur- und Kirchengeschichte. IV. 3

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Franz Ehrle,

der Provence. Mit welch erstaunlicher Dreistigkeit manche der hervor- ragendsten Mitglieder der laxeren Partei sich über die strengen Befehle und Drohungen der päpstlichen Exemptionsschreiben hinwegsetzten, er- sehen wir aus dem, was Bonagrazia unter den Augen des Papstes wagte. Während Clemens 1 die einberufenen Spiritualen als 'solemnes personae magnae et solemnis auctoritatis et zeli' bezeichnete, forderte Bonagrazia von den päpstlichen Auditoren ein Gutachten über die Frage ein, ob er wohl mit diesen 'Häretikern' in irgend einen Verkehr treten dürfe 2. Aehnliche Gesinnungen legten die Ordensobern der Provence gegen die ihrem Gehorsam unterstellten Spiritualen an den Tag 3.

Dies erregte den gerechten Unwillen des Papstes. Er verwies durch ein Schreiben vom 31. Juli 1312 Bonagrazia von Bergamo, wel- cher eben im Auftrage des Cardinais Wilhelm de Longis in seiner Hei- mat weilte, in einen abgelegenen Convent am Fusse der Pyrenäen4. Kurz vorher hatte er unter dem Datum des 13. Juli sechzehn der ein- fiussreichsten Anhänger der Communität aus der Provence, unter ihnen den Provinzialminister Giraudus Villete 5, sämmtliche Custoden, die Guar- diane von Montpellier, Narbonne, Orange und Avignon zu sich nach Avignon beschieden. Hier hielt er ihnen in einem öffentlichen Con- sistorium eine strenge Strafpredigt, entsetzte sie alle ihrer Stellen, verbot, diejenigen von ihnen, welche kein Amt bekleideten, zu einem solchen zu erheben, ordnete eine strenge Untersuchung ihres bisherigen Ver- haltens an und beauftragte fr. Guido und fr. Vitalis de Furno, andere friedliebende Obere einzusetzen, welchen er besonders Wohlwollen für die spiritualistische Minderheit zur Pflicht machte 6. Erst nach diesen Massnahmen, gegen den Sommer 1313 7 , entschied Clemens die noch anhängige Frage über die Zuträglichkeit einer definitiven Abtrennung der Spiritualen von der Communität, indem er die exempten, noch in Avignon weilenden Führer der Reformpartei anwies, sie sollten nun getrost unter den Gehorsam der Ordensoberen in ihre Convente zurück- kehren und im Vereine mit den Brüdern der Communität in treuer Beobachtung der neuen Constitution Gott dienen8.

i S. oben S. 32, Anm. 5. 2 S. diese Zeitschr. III, 37 s.

3 Die Hauptquellen für das Folgende sind ausser der 'historia tribul.' das von mir neuerdings veröffentlichte Sendschreiben der provencalischen Spiritualen an das Generalkapitel von Neapel (1316) ; s. diese Zeitschr. II, 158. 159 s., und die hier unten im Anhang mitgetheilten Streitschriften derselben.

* S. diese Zeitschr. I, 542; II, 158; III, 39 s.

5 S. diese Zeitschr. II, 158. 6 S. diese Zeitschr. II, 160 s.

' S. diese Zeitschr. II, 140 und unten S. 53, n. 10.

8 S. diese Zeitschr. II, 141.

Die Spiritualen.

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Unterdessen war auf dem Generalkapitel von Barcelona um Pfing- sten 1313 Alexander von Alessandria zum Ordensminister erwählt worden. Auch er war allsogleich im selben Sinne wie Clemens thätig. Auf dem Eückweg von Spanien hielt er 1313 ein Provinciaklapitel in Nimes i. Hier hatte er Gelegenheit, die traurige Lage wahrzunehmen, in welcher sich die Eiferer trotz der Massregelung ihrer schlimmsten Verfolger noch immer befanden. Letztere hatten es noch immer in ihrer Hand, durch ihren Einfluss und ihre Freunde ihren Aerger und Unwillen die Eiferer fühlen zu lassen. Um sie vor diesen Verfolgungen wirksamer zu schützen, wies er ihnen die drei Convente von Narbonne, Beziers und Carcassonne an, in welchen ihnen wohlwollende Obere vorgesetzt werden sollten 2. An diesen Orten waren, wie ich vermuthe, die Spiritualen bereits besonders zahlreich vertreten; ausserdem war ihnen die Bürgerschaft dieser beiden Städte besonders gewogen3. Von den Befehlen Alexanders scheint zunächst nur der letztere, fast gleichzeitig von Clemens erlassene zur Ausführung gekommen zu sein 4.

Doch leider sollten alle diese wohlgemeinten Vorsichtsmassregeln nur von kurzer Dauer sein. Im folgenden Jahre 1314 starb am 20. April Clemens V. und am 5. October der Ordensgeneral und es trat an beiden Stellen eine ausserordentlich lange Sedisvacanz ein. Auf die Nachricht vom Tode des erstem hielt sich die extreme Partei,

1 Eine Notiz des Catalogue general des Mss. des bibliotheques pub- liques de France gab mir die Hoffimng, aus cod. 49/54 der Communalbiblio- tbek von Auch die 'Memorabilia' dieses so wichtigen Provinzialkapitels mit- theilen zu können. Auf meine Bitte theilte mir der Bibliothekar, Herr Mouche, den Inhalt von Bl. 70 der bezeichneten Hs. in folgender Weise mit: 'Hec sunt memorabilia fratris Alexandri generalis ministri, facta (nicht fra- trum !) in capitulo provinciali Nemausi celebrato an. dorn. Mo CCC° XIII. Primo, generalis minister omni efficacia, qua potest, exortatur fratres et in- ducit ad observantiam nove declarationis edite per sanctissimum patrem do- minum dementem, mandans ministro et custodibus, quod predictam declaratio- nem' (le reste manque, le feuillet etant coupe). Da diese letzte Bemerkung im Kataloge fehlt, so theile ich sie hier zur Verhütung ähnlicher Ent- täuschungen mit.

2 S. diese Zeitschr. II, 161.

3 In eben diesem Jahre 1313 war in Narbonne das Fest (wohl der Todes- tag 14. März) Olivi's mit grossem Pomp von der Weltgeistlichkeit gefeiert worden; s. diese Zeitschr. I, 544. Ja schon im selben Jahre warnten die Abgesetzten die nach den Generalkapiteln von Barcelona ziehenden Brüder vor den beiden Conventen; s. a. a. 0. II, 163; vgl. auch S. 141 s.

4 In Narbonne wurde damals ein eifriger Spiritual, Wilhelm de S. Amantio, als Vicar eingesetzt; s. diese Zeitschr. II, 159 und unten S. 38.

3*

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Franz Ehrle,

deren Seele die durch Clemens abgesetzten Oberen waren, für berech- tigt, die von ihm getroffenen Anordnungen aufzuheben. Es mehrten sich nun wieder die Verstösse gegen die der Communität in einigen Punkten missliebige Constitution Exivi de paradiso; gegen sie erhoben die Eiferer Einsprache und verweigerten den Gehorsam, die Folge waren die früheren Verfolgungen, Einkerkerungen und andere Strafen *. Bald genügte es den Abgesetzten nicht mehr, dass sie die Provinz durch ihre Freunde regierten, sie fanden sich trotz ihrer freilich nicht genauer bestimmten Inhabilitation als stimmberechtigt auf dem Provinzialkapitel von Carcassonne 1315 2 ein und setzten es durch, dass allenthalben an Stelle der von Clemens eingesetzten Oberen die durch ihn abgesetzten erhoben und zwei derselben zum Generalkapitel abgeordnet wurden.

Die in den verschiedenen Conventen zerstreuten Spiritualen wandten sich wiederholt mit der Bitte um Schutz und Abstellung der Missbräuche an ihren Provinzialminister. Doch dieser gestand ihnen sein Unver- mögen ein , der Willkür der Abgesetzten Einhalt zu gebieten. Ferner bestritten die Eiferer nicht ohne Grund die Rechtmässigkeit der vom Provinzialkapitel ernannten Obern. Denn sie sprachen den Abgesetzten die Stimmberechtigung ab und bezeichneten die Erhebung ihrer erklär- testen Feinde als einen Verstoss gegen die noch zu Recht bestehenden Bestimmungen Clemens' und Alexanders. Um jedoch nichts unversucht zu lassen, stellten sie dem Provinzialminister die Alternative : entweder kraft eigener Vollmacht ihnen wohlwollende Obere zu ernennen oder ihnen ihre bisherigen Obern zu belassen. Statt dessen bestimmte der- selbe fr. Wilhelm Astre, welchen die Spiritualen als einen ihrer ärgsten Verfolger und als Verächter der minoritischen Armuth über alles ver- abscheuten, zum Custos von Narbonne.

Hierdurch aufs äusserste gereizt, machten nun die Spiritualen von der ihnen 1313 vom Ordensgeneral gegebenen Weisung einen allerdings etwas eigenmächtigen Gebrauch. Noch im Jahre 1314 3 vertrieben die- selben aus den Conventen von Narbonne und Beziers, in welchen sie die Mehrheit bildeten, mit Hilfe der ihnen ergebenen Bürgerschaft die wenigen der Communität anhängenden Brüder. Dabei sahen sie sich

1 S. diese Zeitschr. II, 161. 141.

2 Dies Datum bleibt zweifelhaft. In der Appellation der Spiritualen vom 3. Mai 1316 heisst es an einer Stelle: 'venerunt ad provinciale capitulum Caracassone . . . ultimo celebratum' (s. diese Zeitschr. II, 161) ; an einer andern: Et isto anno simile procuraverunt predicti absoluti ad provinciale capitulum venientes' (a. a. 0. S. 163).

3 S. unten S. 51 die Chronik der 24 Generäle. Ueber den Vorgang selbst vgl. ausserdem diese Zeitschr. II, 141 s. 162 und III, 26 s.

Die Spiritualen.

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freilich in Beziers gezwungen, den fr. Jakob Ortolani, der mit einem Stocke wüthend um sich schlug, zu fesseln und im Kerker unschädlich zu machen *. Nach dieser Säuberung der Convente setzten sie ihre auf dem Kapitel von Carcassonne abgesetzten Obern wieder ein 2 , kehrten in Kleidung und Lebensweise zur Strenge der ursprünglichen Observanz zurück 3 und entfernten allen ihrer Armuth widerstreitenden Ueberfluss aus dem Hause 4. Aus den übrigen Conventen derselben Provinz , ja selbst aus Aquitanien5, eilten Gesinnungsgenossen nach diesen beiden Freistätten, so dass die Zahl der in ihnen vereinten Brüder auf 120 stieg 6. Dies war die in den conventualistischen Quellen mit so grellen Farben ausgemalte 'Bebellion'.

Dieser Act der Selbsthilfe rief unter den Brüdern der Communität eine gewaltige Bewegung hervor. Wilhelm Astre, welcher als Custos von Narbonne zunächst betroffen wurde , leitete im Vereine mit Ray- mund Roverii, dem Custos von Montpellier, einem der Abgesetzten7, mit Hilfe des Bischofs von Agen und dessen Subdelegaten, des Propstes von Maguelone8, einen Process gegen die Brüder der beiden Convente ein, in welchen natürlich bald die Bürgerschaft der beiden Städte ver- wickelt wurde. In demselben wurden die 'aufständischen' Brüder in nicht sehr glaubhafter Weise einer Reihe von Häresien beschuldigt 9 und daher als Häretiker, Schismatiker und Apostaten vom Orden mit Excommunication und Interdict bedacht, falls sie nicht unter den Ge- horsam der ihnen vom Kapitel von Carcassonne angewiesenen Obern zurückkehrten. Da diese Rückkehr nicht erfolgte, sprach Wilhelm die entsprechende Strafsentenz aus 10.

Der einzige Anlass, den sie zu der Anklage auf Häresie gegeben hatten, war ihre übertriebene Verehrung Olivi's, in welcher sie so weit gingen, dass sie durch das dogmatische Decret des Concils von Vienne, ich sage nicht dessen Person, nein, nicht einmal einen seiner Lehrpunkte betroffen sehen wollten. Im übrigen bestritten sie jedoch nur, dass Olivi die ihm zur Last gelegten Sätze in dem von den Klägern be- zeichneten Sinne gelehrt habe, ohne die irrigen oder gar die verurtheilten Sätze selbst zu vertheidigen. Es konnten daher die Vertreter der Spi-

i S. unten S. 54, n. 17. 2 S. unten S. 55, n. 20.

3 S. diese Zeitschr. II, 142; III, 28, cap. 14; ferner unten S. 55, n. 19.

* S. unten S. 60.

5 S. diese Zeitschr. III, 27, cap. 2. 3 und unten S. 57. 61.

e S. diese Zeitschr. II, 142.

1 S. diese Zeitschr. II, 163 s.

8 S. diese Zeitschr. II, 162, Anm. 1. 9 S. unten S. 55. 56 s.

io S. unten S. 63 und III, 27, cap. 5.

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Franz Ehrle,

ritualen, fr. Gaufredus de Cornone, fr. Franciscus Sanctius 1 und der oben genannte Vicar von Narbonne, fr. Wilhelm de St. Amantio \ die Gegenpartei einfach auffordern, diejenigen der Eiferer, welche derartige Irrlehren vorgetragen hätten, mit aller Strenge zu verfolgen 3. Nicht viel mehr berechtigt war, wenigstens in der ersten Zeit, die Anklage auf Abfall oder Trennung vom Orden; an eine solche dachten allem Anscheine nach , wenigstens anfangs , die Brüder der beiden Convente nicht; sie weigerten sich nur, und zwar auf einen beachtenswerthen Rechtsgrund gestützt, die Eechtmässigkeit des Provinzialkapitels von Carcassonne und der von demselben getroffenen Bestimmungen und ein- gesetzten Obern anzuerkennen. Ferner verlangten sie die Abstellung der im Gegensatze zur neuesten Constitution Exivi de paradiso be- stehenden Missbräuche. Erst nachdem sie alle ihnen offen stehenden Instanzen erschöpft hatten , schafften sie sich selbst Hilfe und legten Berufung an die höchste Stelle ein. Mit Recht machten ihre Vertreter zur Widerlegung dieser Anklage auf diese Thatsache aufmerksam und hoben ausserdem noch mit besonderm Nachdruck hervor, dass sie, so- bald ihnen der Zusammentritt des Generalkapitels und die Erwählung eines neuen Generalministers Aussicht auf die von ihnen mit Recht verlangte Remedur von Seiten des Ordens selbst gewährten, sie sich an die betreffende Stelle wandten 4.

Wirklich wurde auch, wie schon die Masslosigkeit dieser Anklagen vermuthen lässt, der Process mit einer Leidenschaftlichkeit geführt, dass das ganze von Wilhelm Astre und dem Propst von Maguelone eingeleitete Verfahren auf Verwenden mehrerer Cardinäle vom Con- servator der Privilegien, dem Erzbischof von Aix, cassirt wurde 5. Dem- selben Schicksal verfiel auch der Process, welchen fr. Bertrand de Turre, der Provinzialminister von Aquitanien, gegen einige Brüder seiner Pro- vinz eingeleitet hatte 6.

Unterdessen rückte das für Pfingsten 1316 nach Neapel ausge- schriebene Generalkapitel heran. Da aus der Provence zwei der von Clemens 1313 abgesetzten Obern zu der Versammlung abgeordnet waren T,

1 S. diese Zeitschr. II, 162, Anm. 1.

2 S. diese Zeitschr. II, 159; derselbe war schon 1310 Guardian, s. diese Zeitschr. II, 379, Z. 25.

» S. unten S. 56, n. 25. + S. unten S. 54, n. 12. 13; S. 59.

5 S. unten S. 56, n. 26 und diese Zeitschr. II, 163. e S. diese Zeitschr. II, 163.

* S. diese Zeitschr. II, 163. Es waren fr. Giraudus Villete, der abge- setzte Provinzialminister, und Raymund Roverii, Custos von Montpellier ; s. a. a. 0. S. 159.

Die Spiritual en.

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sahen die Spiritualen von Narbonne und Beziers die ihnen drohende Gefahr klar ein. Sie sandten daher am 3. Mai dieses Jahres durch einen eigenen Boten ein längeres, von mir jüngst veröffentlichtes 1 Recht- fertigungsschroiben ihres Verfahrens und ihrer Berufung an den künf- tigen Papst nach Neapel. Doch wurde ihr Bote, wie sie nachher klagten, von Brüdern der Communität abgefangen und schwer verwundet2.

Kaum war der neuerwählte Ordensgeneral Michael von Cesena in Avignon eingetroffen, als sich die 'aufständischen' Brüder an ihn mit der Bitte wandten , er möge sie aus ihren Drangsalen befreien 3. Michael sandte ihnen ihren Provinzialminister , fr. Stephanus Alberti, zu und Hess ihnen volle Verzeihung für alles Vorgefallene anbieten. Baymund von Pronsac, als Ordensprocurator einer der Vorkämpfer der Communität, welchem wir diese Nachricht verdanken4, fügt bei, die Eiferer hätten auf dieses Anerbieten mit Appellationen und Protesten geantwortet. Dies lässt wohl vermuthen, dass die angebotene Verzeihung an gewisse Bedingungen geknüpft war.

Bald darauf, am 7. August 1316, erfolgte die Wahl Johanns XXII. Derselbe hatte , wie die 'historia tribul.' 5 erzählt , die nun schon so lange andauernde Spaltung des Ordens mit aufmerksamem Auge ver- folgt und bedauerte dieselbe in hohem Grade. Doch bevor wir uns ein Urtheil über seine Auffassung der Angelegenheit und seine Stellung zu den Parteien bilden, haben wir die Massnahmen kennen zu lernen, in welchen er dieselbe offenbarte.

Sobald er nach den Krönungsfeierlichkeiten die Leitung der Geschäfte übernommen hatte, erschienen im Auftrage des Ordensgenerals der Pro- curator Raymund von Fronsac und der aus seinem Exil zurückgekehrte Bonagrazia von Bergamo in einem öffentlichen Consistorium und legten fünf Bitten vor6, welche auf die gänzliche Unterdrückung und Bestrafung der Eiferer abzielten. Auf die bei dieser und ähnlichen Gelegenheiten vorgebrachten Anklagen hin beschied Johann Ende 1316 oder Anfang 1317 die an der Curie anwesenden Vertreter der Angeklagten vor sich. Es waren dies vor allem fr. Angelus de Clarino, sodann Ubertino von Casale, der vielleicht in ähnlicher Weise wie ersterer im Gefolge eines Cardinais am Hofe verblieben war; ferner Gaufredus de Cornone und Philippus de Cauco, welche allem Anscheine nach in nahen Beziehungen zu den Brüdern von Narbonne und Beziers standen. So viel ich aus

1 S. diese Zeitschr. II, 158 s. und unten S. 54.

2 S. unten S. 54, n. 13. 3 S. unten S. 60. * S. diese Zeitschr. III, 27, cap. 6.

5 S. diese Zeitschr. II, 142.

e S. diese Zeitschr. III, 27, cap. 8; vgl. II, 142 s.

40

Franz Ehrle,

dem Berichte der 'historia tribul.' 1 und der Actensanimlung Eaymunds von Fronsac 2 ersehen kann, kam zunächst die Angelegenheit der Gruppe Angelo's zur Verhandlung und zum Abschluss 3 ; allerdings erhellt aus beiden Berichten, dass damals auch der Aufstand' der provencalischen Spiritualen zur Sprache kam, doch die beiden letztgenannten Brüder wollten die Vertheidigung desselben anfangs nicht übernehmen 4. Bald darauf machte sich Johann auch über die gegen die aus Tuscien nach Sicilien geflohenen Brüder zu ergreifenden Massregeln schlüssig 5.

Die Verhandlungen über die Provencalen scheinen Ende 1316 und Anfang 1317 längere Zeit in Anspruch genommen zu haben 6. Natürlich bildete die Berechtigung und der Inhalt der von ihnen eingelegten Berufung an den zukünftigen Papst den Hauptgegenstand. In diese Zeit gehören wohl die drei von mir unten auszüglich mitzutheilenden Actenstücke 7. Als Vertreter der Communität traten Bonagrazia von Bergamo und Wilhelm Astre, von Seiten der Spiritualen Gaufredus de Cornone und Franciscus Sanctius auf. Mit der Leitung der Verhandlungen hatte Johann einige Cardinäle beauftragt8. Es wiederholen sich im kleinen die Vorgänge der grossen Verhandlung von 1309—1312. Dieselben kamen erst im April 1317 zum Abschluss und führten Johann zum Entschluss, die Berufung zurückzuweisen und gegen die Appellanten energisch vor- zugehen, um den so leidigen Wirren ein Ziel zu setzen. In dieser Absicht erliess er zunächst am 13. April 1317 die Decretale 'Quorun- dam exigitf 9, in der die Constitution 'Exivi de paradiso' gemildert und der willkürlichen Interpretationssucht der Untergebenen gesteuert wird.

1 S. diese Zeitschr. II, 143. 2 S. diese Zeitschr. III, 27 s.

3 S. diese Zeitschr. III, 28, cap. 8.

4 S. diese Zeitschr. II, 143. Merkwürdigerweise verlegt Wadding (ad an. 1318, n. 22) diese Begebenheiten ins Jahr 1318. Auch lässt er irrthüm- licherweise fr. Gaufredus sagen: 'Ego adstiti Philippo regi.' Der 'dominus Philippus' ist ohne allen Zweifel Philipp von Maiorca.

5 S. diese Zeitschr. III, 28, cap. 11. Die gegen sie gerichteten Schreiben Johanns und einiger Cardinäle sind vom 15. März 1317 datirt; s. a. a. 0. S. 27—31 und Wadding ad an. 1317, n. 9.

6 S. diese Zeitschr. III, 28, cap. 12—17 und unten S. 51.

7 S. unten S. 51—64.

8 S. die Decretale 'Quorundam exigit' in Wadding ad an. 1317, n. 18: 'prout haec et alia hinc inde coram nobis et eisdem fratribus nostris scripto lecta verboque fuere proposita ac etiam coram aliquihus ex fratribus nostris praedictis super hoc deputatis a nobis, praesertim per aliquos ex fratribus dicti ordinis, qui in praedictis communitatis adversabantur fuerunt ea pluries repetita.'

9 S. diese Zeitschr. III, 30, cap. 22.

Die Spiritual en.

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Auf diesen Erlass hin wurden wohl, wie Raymund von Fronsac berich- tet, die an der Curie anwesenden Vertreter der Spiritualen gezwungen, ihre äusserst ärmlichen Habite mit besseren zu vertauschen l. Sodann beauftragte Johann die Cardinäle Vitalis de Furno , Jakob de Via und Napoleon Orsini, dem Provinzialminister der Provence kund zu thun, es sei sein entschiedener Wille, dass die Spiritualen von Narbonne und Beziers unter den Gehorsam ihrer rechtmässigen Obern zurückkehren sollten. Das Schreiben der Cardinäle ist vom 22. April 1317 datirt 2.

- Derselbe Auftrag war schon etwas früher den Cardinälen Beren- garius Fredeoli und Arnald von Auch ertheilt, aber aus uns unbekannten Gründen nicht ausgeführt worden 3.

Auf diesen ihnen durch den Provinzialminister kundgegebenen Be- fehl und jene Decretale Johanns antworteten, wie es scheint, die 'Auf- ständischen' durch erneute Appellationen und Proteste4. Ja sie be- stritten geradezu dem Papste die Vollmacht, Milderungen der Regel, wie sie die eben genannte Decretale enthielt, zu gewähren. Infolge dessen ergingen nun am 27. April zwei Citationsschreiben nach Nar- bonne und Beziers, in welchen aus ersterm Convent 46 und aus letz- term 15 (nicht 17, wie Wadding sagt) namentlich aufgezählte Brüder nach Avignon entboten wurden5. Den in den Schreiben genannten 61 Eiferern schlössen sich noch drei andere freiwillig an unter ihnen Bernard Delicieux 6 und Wilhelm Girardi 7 so dass sie um Pfingsten 8 (22. Mai) 1317 64 Mann stark gegen Abend in Avignon einrückten. Sie zogen geraden Weges vor den päpstlichen Palast, verbrachten die ganze folgende Nacht vor dem Hauptthore desselben und warteten Tags darauf ebendaselbst, bis sie zur Audienz eingelassen wurden. Nun er- folgte das Verhör, welches uns die 'historia tribul.' 9 in so anschaulicher Weise schildert. Einige Ergänzungen bietet Raymund von Fronsac in dem Entwürfe seiner Actensammlung 10.

1 S. diese Zeitschr. III, 28, cap. 14: 'habitus decentes in materia et forma recipere.'

2 S. diese Zeitschr. III, 2. 28, cap. 10. 3 S. diese Zeitschr. III, 28, c. 9.

4 S. Baluze, Miscellanea ed. Mansi II, 248.

5 S. die Schreiben bei Wadding ad an. 1317, n. 11. 12; vgl. diese Zeitschr. III, 28, cap. 16.

6 S. diese Zeitschr. II, 145. 'Proposuit autem unus ex eis nomine fr. Bern. Deliciosi.' Er wird in den Citationsschreiben nicht genannt.

7 S. diese Zeitschr. II, 146. Es wäre allerdings möglich, dass er hereits während der Verhandlungen in Avignon weilte.

8 Nach der Hs. von S. Isidoro dei Irlandesi um Christi Himmelfahrt (12. Mai).

9 S. diese Zeitschr. II, 145 s. 10 S. diese Zeitschr. III, 29, cap. 18—22.

12

Franz Ehrle,

Nach dem Aufbruch der an die Curie Entbotenen traf in Narbonne sowohl als in Beziers der Befehl ein, die in den Conventen zurück- gebliebenen Spiritualen aus denselben zu vertreiben und Anhänger der Communität an ihre Stelle zu setzen *. Die Wortführer der 64 Brüder wurden von dem Consistorium sofort in verschiedene Kerker abgeführt 2. Einige Tage später folgten ihnen zwei andere Brüder nach 3. Den übrigen legte, wie es scheint im October 1317, der Ordensgeneral Michael von Cesena vor Notar und Zeugen die Decretale 'Quorundam exigü' zur Annahme vor. Die Mehrzahl erklärte sich zu derselben bereit, worauf jedem die ihm nach den Ordensstatuten zukommende Strafe auferlegt wurde 4. Jedoch 25 Brüder unter ihnen drei oder vier von Beziers, alle übrigen von Narbonne, auch Wilhelm de St. Amantio und Franciscus Sanctius zeigten sich widerspenstig. Sie wurden sofort dem Inquisitor, fr. Michael Monachi, ausgeliefert 5. Demselben gelang es noch, die Zahl der Widerspenstigen auf vier drei von Narbonne und einen von Beziers zu reduciren. Diese vier wurden am 7. Mai 1318 in Marseille zur Bestrafung dem weltlichen Gerichte überantwortet und ebendaselbst verbrannt 6 ; ein fünfter, fr. Bernardus Aspa, welcher sich etwas weniger hartnäckig gezeigt hatte, wurde durch dieselbe Straf- sentenz zur Einmauerung verurtheilt 7. Die übrigen zwanzig mussten ihre Irrthümer abschwören, öffentlichen Widerruf leisten, worauf sie, mit anderen schweren Strafen belegt, in verschiedene Provinzen zer- streut wurden.

Die weitere Geschichte der durch diesen 'Aufstand' der pro- vencalischen Spiritualen hervorgerufenen Bewegung gehört in den folgenden Abschnitt, in welchem die Berührungspunkte mit den Beghinen und Fraticellen zur Sprache kommen.

1 S. diese Zeitschr. III, 29, cap. 17.

2 S. diese Zeitschr. II, 146 und III, 29, cap. 21.

3 A. a. 0:

* S. diese Zeitschr. III, 29, cap. 23 und S. 2; ferner II, 146.

5 S. diese Zeitschr. II, 147. Die betreffenden Schreiben Johanns vom 6. und 13. November bei Baluze, Miscellanea ed. Mansi II, 247 und Wadding ad an. 1317, n. 14.

6 S. diese Zeitschr. III, 30, cap. 24 und diese Zeitschr. II, 147 ; die Straf- sentenz hei Baluze, Miscellanea ed. Mansi II, 248.

7 S. diese Zeitschr. II, 147 und Baluze 1. c. p. 250, wo statt 'immutan- dum' vielmehr 'immurandum' zu lesen.

Die Spiritualen.

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Zum Schlüsse wägen wir noch einen Augenblick das von Clemens V. und Johann XXII. den Spiritualen gegenüber ein- gehaltene Verfahren gegen einander ab, vorzüglich in der Ab- sicht, den Einfluss zu bestimmen, welchen der 'praktische' Armuths- streit der Spiritualen auf den Ausbruch des 'theoretischen' Armuths- streites der Communität ausübte.

Schon auf den ersten Blick zeigt sich zwischen dem Ver- halten der beiden Päpste eine scharfe Gegensätzlichkeit. Den- selben fr. Michael Monachi, welchen Clemens 1312 wegen seines Ungehorsams und seiner Verfolgungswuth gegen die Spiritualen für alle höheren Aemter des Ordens inhabilitirte, denselben be- stellte Johann zum Inquisitor und überantwortete ihm eben jene Spiritualen, derentwegen er gemassregelt worden war. - Clemens ergriff die energischsten Massnahmen, um die Eiferer vor den Bedrückungen der Communität sicher zu stellen, befahl, ihnen wohlwollende Obere vorzusetzen; Johann dagegen unterstellte dieselben Spiritualen eben jenen Oberen, welche von Clemens ihretwegen abgesetzt worden waren. Clemens hatte Bona- grazia von Bergamo wegen seines unbotmässigen Eifers in der Verfolgung der Spiritualen nach Valcabrere verbannt, unter Jo- hann durfte er nicht nur an die Curie zurückkehren, sondern eben jene Verfolgung wieder aufnehmen.

Ist nun auch diese Gegensätzlichkeit nicht so gross, als sie nach dem eben Gesagten scheinen könnte, so lässt sie sich doch durch keinerlei Erklärungsversuche gänzlich ausgleichen. Ohne Zweifel ist etwas und zwar nicht wenig auf Rechnung der Er- fahrungen zu setzen, welche die kirchliche Obrigkeit in dieser Angelegenheit von 1312 bis 1316 machte; Erfahrungen, aufweiche hin sich vielleicht selbst Clemens zu anderen Massnahmen ver- anlasst gesehen hätte.

Betrachten wir das Verhalten Clemens' bis zu seiner letzten in dieser Angelegenheit getroffenen Verfügung, d. h. bis zu dem im Herbste 1313 den exempten Spiritualen ertheilten Befehl, in ihre Convente zurückzukehren, so sehen wir erstens, dass er von der Rechtgläubigkeit und dem ernstgemeinten Reformeifer derselben überzeugt war oder wenigstens das Gegentheil in keiner Weise bei ihnen voraussetzte. Dies beweist die Berufung ihrer

4!

Franz Ehrle,

Führer zu der Avignoner Versammlung und noch deutlicher das denselben ausgestellte Exemptionsschreiben. Dasselbe zeigt uns endlich sein so energisches Einschreiten zu Gunsten derselben gegen die Oberen der Provence *. Eben diese Thatsachen thun aber auch zweitens dar, dass Clemens an eine gewisse Reform- bedürftigkeit des Ordens glaubte und das Vorgehen der Com- munität gegen die Eiferer wenigstens in einzelnen Fällen als ungerechte Bedrückung verabscheute.

Ueberhaupt scheint Clemens mehr die lautere Absicht und die begeisterte Religiosität mancher hervorragender Mitglieder der Reformpartei und die weniger erbaulichen Persönlichkeiten und das gewaltthätige Vorgehen der extremen Partei der Com- munität bei seinen Massnahmen im Auge gehabt zu haben. Da- gegen hatte er offenbar noch keinen tiefern Einblick in den ge- fährlichen religiösen Fanatismus für die Armuth und die ursprüng- liche Regel sowie den Geist der Unbotmässigkeit , an welchem die Spiritualen krankten. Es hatten sich eben diese Fehler 1313 noch nicht so deutlich und bedrohlich geoffenbart, wie dies 1316 der Fall war. Dies geschah erst so recht in dem weitern Ver- lauf der Wirren in Tuscien und Sicilien, vor allem aber bei den Vorgängen in den Conventen von Narbonne und Beziers. Hier zeigte die Hartnäckigkeit, mit welcher die Brüder die Irrthümer und Uebertreibungen Olivi's, sowie die Beibehaltung ihrer Klei- dung, des täglichen Bettels und Aehnliches festhielten und ver- theidigten, die Gemeingefährlichkeit ihres Armuthsfanatismus.

Diese Vorkommnisse trugen ohne Zweifel viel dazu bei, dass Johann XXII. die ganze Angelegenheit von einem höhern und weitern Gesichtspunkt auffassto und beurtheilte 2. Für ihn waren

1 Eine ähnliche Massnahme gegen die Oberen in Tuscien wäre nach Angelo (s. diese Zeitschr. I, 544) nur durch den unklugen Aufstand der Eiferer jener Provinz verhindert worden.

2 Johann XXII. selbst spricht an zwei Stellen in beachtenswerther Weise vom Verhalten seines Vorgängers, wobei er dessen Milde besonders hervor- hebt; zunächst in der Constitution 'Gloriosam ecclesiam' (Eymericus, Directo- rium inquis. append. p. 59). Sodann in einem unten im dritten Abschnitt mitgetheilten Schreiben, wo er zumal nach den von Clemens gemachten Er- fahrungen den "Widerwillen des Ordens gegen die Gestattung einer Exemption oder Abtrennung betont.

Die Spiritualen.

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nicht die Personen mit ihren guten oder schlechten Absichten, sondern waren die Thatsachen, waren die selbst die Personen beherrschenden Strömungen und Verhältnisse massgebend. Schar- fen Blickes erkannte er die ganze Gefahr, welche bei dem selbst damals noch weitverbreiteten Muckerthum der Waldenser und 'Apostel' in den mit ihm stammverwandten religiösen Extra- vaganzen nicht weniger von den Spiritualen und von den von ihnen irregeleiteten Beghinen der Kirche drohte. Dieser Gefahr gegenüber schien ihm der Laxismus eines Theiles der Communität das geringere Uebel.

Das erste Ziel, welches er sich daher alsbald nach seiner Thronbesteigung vorsteckte, war die Ausrottung dieses religiösen Fanatismus der Spiritualen. Bisher waren es vor allem die Vor- kämpfer der Communität gewesen, welche auf diese Gefahr auf- merksam gemacht 1 und denselben nachdrücklichst , wenn auch nicht immer in reiner Absicht, bekämpft hatten. Auf ihre Bei- hilfe sah sich daher Johann zunächst angewiesen; dies um so mehr, als ja eben diese Häupter der Communität zugleich die rechtmässigen Oberen des Ordens waren, welchem ein grosser Theil der Spiritualen rechtlich noch immer angehörte. Daher die oben geschilderte Gegensätzlichkeit zwischen dem von Cle- mens und dem von Johann der Communität gegenüber einge- haltenen Verfahren.

Im Jahre 1318 hatte Johann, insofern es durch Decretalen geschehen konnte, sein erstes Ziel erreicht. Aber bereits nahte eine neue Gefahr. Die, wie ich eben zeigte, mit der Nieder- kämpfung der Spiritualen verknüpfte Begünstigung auch der un- edleren Elemente der Communität brachte die hier längst keimen- den Gefahren zur Reife und führte zum theoretischen Armuths streit.

Die ersten Keime dieser zweiten noch gefährlicheren Contro- verse zeigten sich schon bei Gelegenheit des Kampfes, welchen die Pariser Magistri um die Mitte des 13. Jahrhunderts gegen die Mendicantenorden führten. Ein Theil der providentiellen Sendung, welche die im 13. Jahrhundert erstehenden Bettelorden

1 S. diese Zeitschr. III, 136. 137.

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Franz Ehrle,

und in erster Linie die Söhne des hl. Dominicus und des hl. Franz hatten, war ohne Zweifel gegen die masslose Begierlichkeit nach Reichthum und Wohlleben gerichtet, an welcher ein nicht un- bedeutender Theil des Welt- und Ordensclerus krankte. Die hauptsächlichsten Träger dieser speciellen Sendung waren selbst- verständlich die Söhne des 'grossen Armen von Assisi'. Ihr eigentlichster Vorzug, selbst den anderen Bettelmönchen gegen- über, war die völlige Besitzlosigkeit und die Verachtung des Geldes, Es konnte nicht ausbleiben, dass einige dieser Apostel der dem Clerus so nothwendigen Weltentsagung im Vollzug ihrer Sendung das richtige Mass nicht einhielten, den Weltgeistlichen gegenüber das 'Haben' und 'Besitzen' zu scharf verurtheilten und den anderen Mendicanten, zumal den Dominikanern gegen- über ihre beiden oben erwähnten Ehrenvorzüge zu hoch stellten. Lag nun ein Streit nach diesen beiden Richtungen hin schon gewissermassen in der Natur der Verhältnisse, so war der Sturm, welchen Wilhelm von St. Amour in den fünfziger Jahren des 13. Jahrhunderts gegen die Bettelorden begann, ganz dazu an- gethan, die längst glimmenden Funken zu hellen Flammen anzu- fachen. Die Masslosigkeit seines Angriffes forderte eine Vertheidi- gung und die Erörterung von Fragen heraus , aus welchen eine reiche Saat der Zwietracht aufsprossen musste.

Neben anderen Streitpunkten: dem Magisterium der Theo- logie, dem Predigtamte, dem Fasten, den Beichtfacultäten, waren es zumal zwei Fragen, welche noch für viele Jahrzehnte die Geister beschäftigt hielten. Die gewöhnliche Fassung derselben war folgende; 'utrum status religiosorum sit praestantior statu praelatorum et perfectior sacerdotum parochianorum' ; 'utrum habere aliquid in communi minuat de perfectione'. Erstere Frage war zumal zwischen dem Weltclerus und den Bettelorden, letztere zwischen den Franziskanern und Dominikanern strittig. Wir finden sie um nur die Lehrer des 13. Jahrhunderts zu er- wähnen — behandelt von Wilhelm von St. Amour, Giraud d'Abbe- ville, Nicolaus von Lexington, Nicolaus de Pressorio, Heinrich von Gent, Gottfried von Fontaines, Thomas de Balliaco aus dem Weltclerus; von Seiten der Dominikaner vom hl. Thomas zunächst in seinen Streitschriften gegen Wilhelm und später in seiner

Die Spiritualen.

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theologischen Summe, aus dem Franziskanerorden vom hl. Bona- ventura, Bertrand (Strabo) von Baionne, John Peckham, Olivi, von Matthäus von Aquasparta u. a.

In diesen Controversen zeigte sich zumal anfangs auf Seiten des Weltclerus eine durchaus ungerechte Herabwürdigung der freiwilligen Armuth, auf der Seite der Orden aber auch eine gewisse Ueberschätzung der freiwilligen Armuth *. Die Ver- treter derselben fassten anfangs die in dem religiösen Verzicht auf die irdische Habe liegende Vollkommenheit als etwas zu Absolutes, während diese Entäusserung doch nur etwas Relatives ist und im Interesse der allein absoluten Vollkommenheit: der Liebe Gottes, ja selbst einer relativ höhern Vollkommenheit: der Nächstenliebe, eingeschränkt werden kann2. Diese Unklarheit zeigte sich zumal bei der Beantwortung der zweiten Frage und zwar anfangs selbst beim hl. Thomas. Erst seine spätere Contro- verse mit den Franziskanern veranlasste ihn, die in der Schrift gegen Wilhelm von St. Amour übersehene Unterscheidung 3 in der Summe 4 nachzuholen. Die Franziskanerlehrer dagegen wur- den durch diese neue Controverse naturgemäss im Eifer für die Vertheidigung ihres Ehrenvorzugs gänzlicher Besitzlosigkeit in jener schiefen Auffassung nur um so mehr bestärkt.

Wir finden daher bereits bald nach der Mitte des 13. Jahr- hunderts in den Streitschriften, welche die zuletzt genannten

1 Vgl. diese Zeitschr. III, 608.

2 Vgl. die beiden Redactionen des Schreibens Johanns XXII. Ad con- ditorem canonum in Baluze, Miscellanea ed. Mansi III, 212. 222.

3 Vgl. diese Zeitschr. III, 517 s. und den hl. Thomas, Opusc. contra im- pugnantes dei cultum et religionem 1. 2, cap. 36. Dies Versäumniss ist um so auffälliger, als der Heilige 1. c. 1. 1, cap. unic. die richtigen Principien dieser Unterscheidung niedergelegt hatte. Dass man bereits unter Johann XXII. auf diesen anscheinenden Widerspruch des englischen Lehrers und diese Beziehung des theoretischen Armuthsstreites zu den von Wilhelm von St. Amour erregten Controversen aufmerksam wurde, zeigt ein Gutachten, das bald nach 1325, wie es scheint, von Bischof Franz von Florenz, einem der theologischen Bei- räthe Johanns, verfasst wurde; siehe im vatic. Archiv armar. 31, vol. 42, ff. 89a bis 93 a, besonders 92 a; vgl. auch die zum theoretischen Armuthsstreit ge- hörigen Schriftstücke bei Baluze, Miscellanea ed. Mansi III, 214. 268.

4 2a 2ae, q. 188, a. 7.

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Franz Ehrle,

Lehrer gegen Wilhelm und seine Anhänger richteten, die ersten deutlichen Ansätze zu den den Kern des theoretischen Armuths- streites bildenden Aufstellungen. Es sind dies zumal folgende Sätze: 1) der gemeinsame Besitz (habere aliquid in communi) vermindert mit Notwendigkeit die Vollkommenheit der Armuth, der Regel und des Ordens. Es liegt dieser Behauptung die oben erwähnte Auffassung der religiösen Armuth als einer absoluten Vollkommenheit zu Grunde. 2) Die auf jeglichen, auch den gemeinsamen Besitz verzichtende Armuth und Regel des hl. Franz ist daher die höchste religiöse Vollkommenheit. 3) Diese höchste, minoritische Armuth und Vollkommenheit ist die vom Heiland und den Aposteln geübte evangelische, höchste Armuth und Vollkommenheit, ein Satz, der selbstverständlich die Behaup- tung der gänzlichen Besitzlosigkeit des Heilandes in sich schloss und folglich der Censur der Decretalen Johanns XXII. verfiel.

Doch noch habe ich zu zeigen, dass gerade der Laxismus der Communität es war, welcher die Verurtheilung der seit den fünfziger Jahren des 13. Jahrhunderts wiederholten Behauptungen herbeiführte.

Wie wir früher die Spiritualen klagen hörten, trat zumal nach dem Kapitel von Narbonne (1260) ein höchst bedauerlicher Verfall der Observanz und besonders der Armuth ein. Schon durch die von Innocenz IV. und Martin IV. gewährten Milde- rungen war die völlige Besitzlosigkeit im Leben der schlechteren Hälfte der Communität immer mehr eine blosse juristische Con- struction 1 geworden und reducirte sich das Verbot des Geldes allmählich nur mehr auf das Nichtberühren desselben2. Was

1 Dies hob schon 1310 Ubertino deutlich hervor: 'Et sie per talia privi- legia evacuatur tota paupertatis regule nostre perfectio, de qua, quod nichil penitus habere possimus nec proprium nec commune, solo videmur no- mine gloriari.' Diese Zeitschr. III, 113, Z. 25. 'Planum est autem, quod non erit talis (d. h. summa paupertas), nisi artat usum rerum, sed velit abunde temporalibus uti, quantumeunque dicatur illarum rerum suum non esse domi- nium; sie enim esset contra omnia iura et rationes legem verbis non rebus dare'. A. a. 0. S. 64, Z. 20.

2 Hierüber Ubertino bereits 1310 : 'Et in huiusmodi transgressione man- dati de pecunia prelati et subditi senes et iuvenes sie sunt relaxati, quod de

Die Spiritualen.

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in dieser Richtung durch Dehnung und Missdeutung der legalen Milderung noch nicht zu erlangen war, das nahm sich dieser Laxismus eigenmächtig heraus und suchte diese Willkür durch seine Juristereien zu beschönigen. Auf diese Weise war der minoritischen Armuth ihr Wesen, war alles Drückende und Harte, war das Opfer und die Entsagung zu nicht geringem Theil be- nommen. Diese Tendenz wurde sogar schon in ein System ge- bracht und die wirkliche Armuth, das arme Leben, der 'usus pauper' als etwas Unwesentliches nach Kräften herabgedrückt. Ja es war um die Wende des 13. und 14. Jahrhunderts in eini- gen Provinzen sträflicher Missbrauch weit über die legalen Milde- rungen hinaus bereits bei festen Renten und Grundbesitz an- gelangt.

Welch grellen und peinlichen Gegensatz bildete nicht diese Wirklichkeit zu dem vorzüglich bei diesen Laxisten der Com- munität üblichen Herabsetzen der Armuthsobservanz anderer Orden, zu dem Pochen auf den hohen Ehrenvorzug ihres Ordens, auf ihren Verzicht auch des gemeinsamen Besitzes als der Spitze der religiösen Vollkommenheit, auf ihre Erneuerung des evange- lischen Lebens Christi u. s. w. Das ist der historische Hinter- grund der Decretale: Ad conditorem canonum1; das waren die

non recipiendo pecuniam solo videmur nomine, ex eo quod non tangimus ma- nibus gloriari.' S. diese Zeitschr. III, 106, Z 19. Hierher gehört auch der mit den 'bursarii' getriebene Missbrauch. L. c. III, 71, Z. 6; 104, Z. 30; 107. 121.

1 Der Inhalt und die Begründung dieser Decretale, durch welche Johann dem Orden das Eigenthumsrecht seiner unbeweglichen und beweglichen Habe zurückgibt und ihm damit seinen Ehrenvorzug gänzlicher Besitzlosigkeit be- nimmt, wird von Bonagrazia in seinem unverschämten Protest vom 14. Ja- nuar 1323 richtig in folgenden drei Sätzen zusammengefasst : 'Primo, quod fratres ordinis saepedicti post dictam retentionem dicti dominii per dictum dominum Nicolaum III. praedecessorem vestrum factam, non minus sed satis amplius quam ante ipsam in acquirendis bonis temporalibus ac conservandis tarn in iudicio quam extra fuerunt solliciti.' 'Secundo sanctitati vestrae suggesserunt (vorgeblich die 'aemuli ordinis'), quod dicti ordinis fratres occasio- ne dictae retentionis dominii de paupertate.altissima coeperunt inaniter gloriari, quam sibi, ut ipsi aemuli dicunt, prae cunctis mendicantibus aliis ex eo vin- dicant imprudenter, quod in his, quae obtinent, nihil ad se proprietatis et dominii, sed solum nudum usum facti asserunt pertinere; cum tarnen, ut di- cunt, potius deberent dicti ordinis fratres, attento ipsorum fratrum utendi modo Archiv für Literatur- und Kirchengeschichte. IV. 4

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Franz Ehrle,

ungesunden und verschrobenen Verhältnisse, aus welchen sich die Notwendigkeit eines solchen Eingreifens von selbst ergab.

Ich schreibe nicht die Geschichte des theoretischen Armuths- streites; es genügt mir daher, im Vorstehenden darauf hinge- wiesen zu haben, dass die Anfänge desselben bereits in den Streit der Pariser Lehrer mit den Mendicanten hinaufreichen und dass es der 'praktische' Armuthsstreit der Spiritualen war, welcher ihn zur Reife brachte.

Anhang.

Ich lasse hier zwei Belegstücke folgen, welche ich in oben- stehender Darstellung bereits nach Kräften verwerthet habe.

1. Zunächst entnehme ich der c. 1378 compilirten 'Chronica XXIV ministrorum generalium'1 eine auf den 'Aufstand' der Spiritualen von Narbonne und Beziers bezügliche Stelle. Dieselbe ist, wie der erste Blick zeigt, einer conventualistischen Quelle entnommen. Ich benütze die in der Angelica in Rom (jetzt cod. 1752) verwahrte Handschrift, über welche ich bereits oben2 das Nöthige bemerkt habe.

Bl. 65 a. Anno dorn. MCCCIIII XIIa kalendas maii in Rupe Maura super Rodanum obiit dominus Clemens papa Vu8 pontificatus sui

et ecclesiae romanae placito, affirmare, non relictum eis usum, sed retentum ecclesiae romanae dominium fore nudum.' 'Tertio suggesserunt sanctitati vestre aemuli supradicti, quod occasione retentionis dominii supradicti mter fratres dicti ordinis periculosa suborta fuerunt scismata et dispendiosa peri- cula subsecuta, quibus, ut dicunt, hactenus finis dari non potuit, nec spera- tur, quod ad illum ea perdurante valeat perveniri.' Nach Bonagrazia wären dies unwahre Anklagen der Neider des Ordens gewesen, und doch hatte Johann sie für so wahr gehalten, dass er durch sie seine Massnahme begründet hatte. Diese Sätze, ja überhaupt alle Hauptgedanken der Decretale hatten die Spiritualen seit langem ohne Unterlass wiederholt (S. oben S. 48). Freilich leiteten sie aus denselben die Rückkehr zur ursprünglichen 'reinen' Regel her ; doch hatten sie die Annahme dieser Folgerung durch ihren Armuthsfanatismus unmöglich gemacht und Johann gezwungen, gerade die entgegengesetzte Folge- rung zu ziehen: Die Aufhebung der gänzlichen Besitzlosigkeit des Ordens.

1 S. diese Zeitschr. I, 146.

2 S. diese Zeitschr. III, 416, Anm. 2.

Die Spiritualen.

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anno Villi 0 ; et vacavit sedes, cardinalibus hinc inde extra conclave dis- currentibus, amplius quam duobus annis. Eodem anno dictus generalis, cum tantum per annum cum dimidio ordinem gubernasset, appositus ad sanctos patres, Rome sepultus' est in Ära Celi, et post ipsum fere per XVII menses fuit ordo sine generali ministro. Eodem tempore sede romana pastore et ordine generali vacante, aliqui ordini rebelles de custodia Narbonensi iterum ab ordinis unitate et obedientia recesserunt, loca etiam 'Narbone et Biterris per vim armorum et armatorum hominum eiectis inde suis superioribus et aliis fratribus obedientibus occuparunt, et inde sibi superiores custodes et guardianos pro voto prefecerunt, reiectisque habitibus communitatis ordinis tanquam profanis et illicitis, habitus curtos et difformes contra superiorum suorum precepta et ar- bitrium assumpserunt. Plures etiam alii fratres anno dorn. MCCCXV et XVI0 de eadem et aliis provinciis ad eos contra superiorum suorum obedientiam accesserunt et in rebellione huiusmodi perstiterunt. Qui etiam contra suum ministrum et alios veros prelatos suos et fratres alios obedientes appellando et incarcerando tirannice insurgentes de dictis conventibus eiecerunt. Ex quibus multa scandala sunt secuta, excommunicationes vero et alias sententias contra ipsos a iure vel suis superioribus promulgatas comtempnentes eis in nullo deferebant.

2. Eine recht willkommene Ergänzung zu dem bereits früher ver- öffentlichten Rechtfertigungsschreiben der provencalischen Spiritualen bot mir ein Sammelband der ehemaligen päpstlichen Bibliothek von Avignon, welcher sich nun in der Borghesiana in Rom befindet1. Cod. 85 der genannten Bibliothek, ein Papierband in Octav, vom An- fang des 14. Jahrhunders, gehörte, wie ich vermuthe, zum Nachlass eines der südfranzösischen Eiferer. Er enthält Auszüge aus philosophi- schen und theologischen Quästionen, Bruchstücke einer Abhandlung über die Ordensregel und eines Libells gegen Johann XXII., kurze Er- klärungen einiger Theile der Heiligen Schrift. Bl. 97 a— 109b finden sich in der schönen Kanzleischrift der Zeit dreikurzeVertheidigungs- schriften gegen die von fr. Wilhelm Astre, fr. Bertrand de Turre und fr. Bonagrazia von Bergamo nach dem Tode Clemens' V. gegen die Spiritualen von Narbonne und Be- ziers geführten Processe und verfassten Streitschriften. Dieselben gehören ohne Zweifel in die Zeit der Verhandlungen, welche zu Ende des Jahres 1316 und in den ersten Monaten des Jahres 1317 zur Vorbereitung der Decretale 'Quorundcim exiqitf vor Johann und einer von ihm bestellten Commission geführt wurden. Denn zu- nächst müssen wir ihre Abfassung nach August 1316 ansetzen, da so-

1 Vgl. diese Zeitschr. I, 19.

4*

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Franz Ehrle,

wohl auf den um Pfingsten erwählten Ordensminister Michael von Ce- sena 1 als auf Johann XXII. 2 verwiesen wird, dessen Wahl am 7. Au- gust erfolgte. Ihr Inhalt sodann zeigt, dass sie aus der ersten Periode der oben genannten Verhandlungen, d. h. aus den letzten Monaten des Jahres 1316 herstammen.

Zwei längere, Olivi betreffende Stellen habe ich bereits oben in dessen Biographie mitgetheilt; ich wiederhole sie hier nicht.

(109 a) Ad informandos dominos auditores3 super innocentia fra- trum Narbonensium et Biterrensium continentur hic: primo responsio contra fundamenta falsa in sententia fratris Guillelmi Astre contenta; secundo responsio contra petitionem datam per fratres Guillelmum 5 et Bonagratiam4 contra eos; tertio responsio ad inpugnationem predictorum fratrum Guillelmi et Bonegratie contra petitionem per fratres Gaufridum et Franciscum5 datam.

(f. 97 a) [I] Ad ostendendum iniquitatem et falsitatem processuum, qui facti sunt contra fratres Narbone et Biterris comorantes per fratrem 10 Guillelmum Astre et fratrem Bertrandum de Turre 6 et per alios iudices ad instantiam eorundem et procurantur per ordinem, omnia dictorum processuum fundamenta, que omnia vel sunt falsa vel fallaciter et malitiose adducta.

[1] Falsum est enim, quod fratres, contra quos facti sunt, partem löfecerint in questione illa tamdiu in curia et tandem in generali con- cilio ventilata, sed domino pape ex officio inquirenti veritatem super interrogatis, quam noverant, responderunt, ut patet per rescriptum ex- emptionis eis date.

[2] Falsum est etiam, quod se faciant spirituales ab hominibus 20 nuncupari. Non enim volunt aliud nomen, quam quod beatissimus pater Franciscus eis imposuit, scilicet fratrum minorum.

[3] Falsum est etiam, quod dicti fratres fuerunt puniti, suis exigen- tibus culpis, ymo Semper ab ordine honorati fuerant et promoti, et etiam ipso summo pontifici domino Clementi de eorum fama inquirenti 7 25 a prelatis ordinis, generali et aliis ministris multipliciter commendati.

* S. unten S. 60.

2 S. unten S. 60.

3 Es sind hier wohl die Canonisten oder Theologen gemeint, welche den mit der Leitung der Verhandlungen betrauten Cardinälen zur Seite gestellt waren.

4 Wilhelm Astre und Bonagrazia von Bergamo, die Vertreter der Com- munität.

5 Gaufridus de Cornone und Franciscus Sanctius ; über sie s. oben S. 38.

6 Ueber ihn s. oben S. 108 und Wadding ad an. 1317, n. 10. 1 Vgl. Wadding ad an. 1310, n. 3 und oben S. 30.

Die Spiritualen.

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[4] Falsum est etiam, quod liceat fratribus regulariter et absolute vinum et bladum congregare, ymmo antiquitus in ordine hoc precipie- batur 1 statuto solempni tanquam pestis a fratribus evitari.

[5] Falsum est etiam, quod liceat fratribus indistincte nuncios vel intermedias personas supponere, quando fratribus pecunie offeruntur, 5 ut patet per declarationes et statuta ordinis.

[6] Falsum etiam credunt esse, quod in libris fratris Petri Johannis bone memorie dogmatizentur errores fidei catholice fundamento ad- versantes.

[7] Falsum est etiam, quod doctrina fratris Petri Johannis sit ab 10 omnibus catholicis totaliter respuenda propter articulos condempnatos in decretali Fidei catholice fundamento facta in concilio Viennensi, cum nichil in relatione ad dictam doctrinam ibi fuerit condempnatum.

(97b) [8] Falsum est etiam, quod in concilio eodem in decretali, que incipit: Exivi de paradiso , concedatur regulariter fratribus, quod 15 possint facere questus bladi et vini, cum e contrario regulariter dene- getur et solum in casibus particularibus concedatur.

[9] Falsum est etiam, quod fratres predicti possint se habere ad pecunias recipiendas seu nuncios submittendos, nisi cum plurimis modi- ficationibus, quibus non servatis descernuntur regule transgressores. 20

[10] Falsum est etiam, quod dictus summus pontifex deposuit XVI fratres ab officiis solum ex hoc, ut vocati[s] per eum ad suorum superio- rum obedientiam redire non timerent ; nam constat, quod in eorum deposi- tione eorum culpas expressit, reprehendit et exageravit, inquisitionem fieri mandavit, inquisitores eis assignavit et alios viros pacificos eis substitui 25 mandavit; et ideo tum propter culpas eorum tum propter pacem affli- ctorum eos deposuit; in quorum prelatorum substitutione , ut per regi- strum papale missum fratri Guidoni, qui ad substituendum predictos cum domino Vitali 2 fuerat ordinatus , voluit dominus papa dictos sub- stituentes inclinari plus ad minorem partem fratrum quam ad maiorem. 30 Post cuius domini mortem totum contrarium est factum; nam omnes fere depositi sunt ad eadem vel similia officia restituti, et alii, qui pro pace positi fuerant, sunt depositi, et fratres ubicunque essent in pro- vincia immaniter afflicti.

[11] Falsum est etiam, quod reverendi patres dominus Arnaudus35 de Pelagrua et dominus Vitalis absolute concesserint dictam repositionem posse fieri, sicut patet per responsionem dicti domini Arnaudi, quam in presencia procuratoris ordinis fecit cuidam suo familiari. Dixit enim, quod sibi dabatur intelligi, quod repositio illorum fiebat sine offensa et cum benepläcito illorum, [pro] quorum favore et pace fuerant absoluti. 40

1 Cod. precipiabatur.

Cardinal Vitalis de Furno ord. min.

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Franz Ehrle,

[12] Falsum est etiam, quod dicti fratres debeant dici scismatici et scindentes ordinis unitatem ex hoc, quod conscientia moti noluerunt recipere prelatos a sede apostolica depositos vel per depositos institutos, conscientiam eis facientibus plurimis discretis viris et peritis et etiam

5 sacrosancte romane ecclesie aliquibus cardinalibus , maxime cum se offerrent paratos ministro, recipere prelatos non vi capituli, sed sua auctoritate fratres alios, viros pacificos iuxta ordinationem pape et per- mittentes regulam et ordinata per sedem apostolicam observari.

(98 a) [13] Palsum est etiam, quod dicti fratres dicti ministri famam

lOverbis fallacibus et conviciis laceraverint, sed bene in suis appellatio- nibus suam innocentiam et gravamina, que eis inferebantur , oportuit declarare. Et cum tunc vacaret generale ministerium nec cum domino protectore vel aliquo alio cardinali invenirent aliquod consilium nec sufficiens remedium; oportuit eos per consequens ab omni citra papam

lögeneraliter appellare, maxime cum ipse idem minister, quando ad eum habebatur recursus, Semper responderit, quod ab ira et indignatione et impetu fratrum depositorum et eis adhaerencium non poterat eos tueri. Et quam cito generale capitulum advenit, miserunt nuncium specialem, factum totum denunciantes et auxilium requirentes, quem tarnen nun-

20 quam receperunt, letaliter vulneratum, vulnere illato ad instantiam fra- trum, ut patet per publica instrumenta.

[14] Falsum est etiam, quod regularibus sit absolute interdicta appellatio, cum vident regulam suam infringi, declarata per sedem apo- stolicam violari, regulam observantes persequi et affligi, illegitimos pre-

25 fici, scandala suscitari, conscientias ledi et pacem destrui in ordine et confundi; cum etiam dictus summus pontifex hoc nunquam negaverit, ymo sibi de hoc loquenti ministro respondit, quod nolebat sibi legem ponere in predictis.

[15] Falsum est etiam, quod appellationes per dictos fratres facte

30 a gravaminibus non sint interposite infra X dies, cum tarn illud, quam alie solempnitates iuris sint per eos integre servate, ut patet per pu- blica instrumenta.

[16] Falsum est etiam, quod dicti fratres expulerint aliquos cum conviciis et contumeliis, cum e contrario toto illo tempore omnes fratres

35 receperint, undecunque venientes, secundum ordinis instituta in visceribus caritatis, de quo facere possunt testimonium multi fratres nunc in curia existentes.

[17] Falsum est etiam, quod dicti fratres conventus Biterrensis excommunicati sint propter inieccionem manuum in fratrem Jacobum 40 Ortolani , cum dictus frater sie se haberet, fratres atrociter pereuciens cum baculo, quod choacti sunt eum capere secundum ordinis instituta, ut patet per inquisitionem factam per dominum officialem Biterrensem ;

Die Spiritualen.

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et ideo nec a canone nec ab aliquo privilegio excommunicationis sen- tenciam incurrerunt.

[18] Falsum est etiam, quod dicti fratres occupaverunt loca conven- tus Narbone et Biterris propria auctoritate, cum generalis minister con- dam frater Alexander dictis fratribus una cum conventu Carc&ssfonensi] 5 assignaverit dicta loca.

(98 b) [19] Falsum est etiam, quod dicti fratres dicantur habitum sue religionis reiecisse, si iuxta suum modulum et imperfecte adhuc conabantur in vilitate habitus quantum ad formam et materiam se beato Francisco et aliis antiquis patribus conformare; et si hoc dicatur apo- 10 statare, videatur , an debeat dici apostasia, institutori ordinis se pro viribus conformare.

[20] Falsum est etiam, quod dicti fratres novellos prelatos sibi temere assumpserint , cum nullum alium habuerint in tota ista dissen- cione, nisi illos, qui auctoritate generalis ministri in officiis remanserunt 15 et quos etiam provincialis minister in principio dissencionis post capi- tulum Garca,s,s[onense] in conventibus vicarios ordinavit.

[21] Falsum est etiam, quod dicti fratres in dogmata heretica et apertas hereses sint prolapsi seu quod errorem aliquem defendere mo- liantur, cum nichil aliud credant, nichil aliud doceant, nichil aliud te- 20 neant, nichil aliud predicent, nisi quod credit, tenet, docet et predicat sacrosancta romana ecclesia mater omnium fidelium et magistra.

[22] Falsum est etiam et notorie falsum apud dominum summum pontificem et etiam dominos cardinales, quod aliquid cle dictis libris seu scriptis bone memorie fratris V[etri] Johannis seu in relatione ad eum25 fuerit in generali concilio condempnatum.

[23] Falsum est etiam, quod dicti fratres impliciter asserant, verbis, factis et scriptis dogmatizent, non esse obediendum alicui prelato ecclesie, qui notorie transgrediatur precepta sedis apostolice. Hoc enim nunquam dixerunt simpliciter, sed in materia, de qua tunc temporisSO erat sermo, scilicet quod non erat obediendum inferioribus prelatis, qui notorie et patenter auctoritatem ecclesie contempnunt, eius precepta expressa vilipendunt ; qui inferiores prelati sie rebelies sunt, quod quos summus pontifex incarcerat et sententialiter punit, illi liberant, reeipiunt, sustinent, promovent et exaltant; quos summus pontifex absolvit, illi re-35 stituunt et faciunt presidere et cogunt subditos talibus illegitimis et in- obedientibus obedire, subditos suos ad manifestas transgressiones statuto- rum papalium compellentes. Alias Semper dixerunt et dicunt et in scriptis posuerunt, quod cuicunque prelato discolo1 et carnali obediendum est, quamdiu ab ecclesia toleratur, nisi, sicut dictum est, sit illegitime in- 40

1 Cod. discoli.

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Franz Ehrle,

stitutus et cogat suos subditos ad patentes transgressiones contra regu- lam et sedis apostolice instituta.

[24] Falsum est etiam, quod dicti fratres statum ordinis condem- pnare presumant. Non enim debet dici condempnare, sed magis dili- 5gere, qui ad preceptum summi pontificis ea, quae corrigenda sunt (99 a), explicat et ordinis reformationem desiderat et in ipsa constante/>7 Ver' severat et summo affectu obstat, quod omnes sanctorum patrum vestigiis se conforment.

[25] Falsum est etiam, quod fratres predicti vel aliqui ex eis pre-

10 dicaverint vel predicent contra matrimonium, auctoritatem romani pon- tificis, ecclesie statum, fidem beatissime trinitatis, ecclesiastica sacra- menta. Et si quis contra predicta dixerit, vocetur, citetur, et si se ex- cusare non poterit, legitime puniatur.

[26] Falsum est etiam, quod dicti fratres auctoritatem ecclesiasticam

15 vilipendant. Nam in exemplo, quod datur de domino preposito Maga- lonensi, patet manifeste falsitas , cum dominus Aquensis archiepiscopus dictam commissionem penitus revocaverit et omnes processus et sen- tentias dicti domini prepositi cassaverit et annullaverit et expresse pro- testetur in lictera revocatoria, quod nec ipse nec eius subdelegatus se

20poterat de predictis intromittere quoquomodo.

Hec sunt XXVI fundamenta falsa, que narrantur a fratre GfuillelmoJ Astre, antequam descendat ad suam sentenciam proferendam. Que dicit esse notoria et manifesta per sentencias et diffiniciones, mandata, ordinaciones romani pontificis et protestaciones cardinalium et con-

25 fessiones et predicaciones publice et notorie factas et per rei evidenciam et alia legitima documenta, que omnia sunt falsissima, ut dixi. Ex predictis igitur dat sentenciam et diffinit dictus frater Guillelmus Astre, omnes et singulos fratres sepe dicte doctrine fratris V[etri] Jo- hannis et dictorum errorum ac scismatum credentes et defensores in

30dictis monasteriis de Narbone et Biterris commorantes, pronuncians et declarans inobedientes, rebelles, excommunicatos, apostatas a fide catho- lica et regula et observancia regulari ordinis fratrum minorum, et eos scismaticos et hereticos et tanquam apostatas excommunicatos, scisma- ticos, hereticos omnibus beneficiis et privilegiis dicti ordinis denudatos

35 et nullo posse nec debere dicti ordinis privilegio gaudere, et eos omnes penas statutas a iure et statutis et privilegiis ipsius ordinis contra inobedientes, apostatas, scismaticos et hereticos incurrisse, invocans instanter ad eos puniendos et cohercendos in scriptis auxilium omnium ordinariorum locorum et inquisitorum heretice pravitatis et brachii

40 secularis.

Ex predictis reverendi domini patere vobis potest iusticia sentencie supradicte.

Die Spiritualen.

57

[27] Falsum est etiam, quod fratres, quos fugitivos appellant a conventibus, a quibus fugisse dicuntur, recesserunt, cum plures ex eis a sex annis et amplius in dictis conventibus non fuerint eciam hospites, et quidam ex eis nunquam conventum viderunt, a quo fugisse dicuntur, nec in tota illa terra fuerunt, quibus eciam ex parte cuiuscunque5 prelati ordinis nunquam illis temporibus fuit aliqua obediencia pre- sentata.

(99 b) [II.] Treter autem predicta falsa fundamenta, quibus innititur dicta sententia, ymo omnes processus facti contra dictos fratres Narbone et Biterris comorantes et adherentes eisdem, quedam alia in libello noviter dictis dominis auditoribus dato sunt addita, in quo libello multa ponuntur impertinencia , inepta, multa nugatoria et superflua, multa falsa et malitiose conficta'.

In dieser zweiten Streitschrift (ff. 99b bis 106a) wird man- ches aus der eben mitgetheilten wiederholt und vieles ist der von mir veröffentlichten Apologie Olivi's entnommen. Ich theile deshalb dieselbe nur auszüglich mit. Nach obiger Einleitung folgt:

'Quod in prima parte dicti 1 i b e 1 1 i premittantur XIIIIcim arti- culi fidei, impertinens est omnino tarn quoad dictos fratres, contra quos libellos datur, quam quoad doctrinam bone memorie fratris V[etri] Jo- annis, quam sie voluntarie persequuntur. Quoad dictos fratres qui- dem, quia ipsi circa fidem catholicam seu articulos fidei, circa omnia Christi misteria et ecclesiastica sacramenta nichil aliud credunt, nichil aliud confitentur, nichil aliud tenent, nichil aliud docent, nichil aliud predicant, nichil aliud dogmatizant, quam quod credit, confitetur, tenet, docet, predicat, dogmatizat sacrosaneta romana ecclesia, mater omnium fidelium et magistra. Impertinens etiam est, quoad doctrinam dicti viri saneti sie explicare articulos fidei. Patenter enim nichil aliud fit illis verbis, nisi quod involvuntur sententie sermonibus imperitis. Quia sicut dicit beatus Gregorius de Heliud: Etsi vera dixit, contra quem illa diceret non attendit. Quia sicut ille contra sanetum Job, sie iste contra istum virum sanetum male sententias applieavit. Licet in expli- catione dictorum articulorum multe in dicto libello fiant deduetiones inepte, temerarie et periculose, sicut apparebit suo loco et tempore, ubi et quando dante deo fiet plena examinatio de eisdem.'

'Quod etiam in secunda parte libelli describuntur Xcem errores, qui in dicta doctrina dogmatizari dicuntur, satis patet impertinens et nugatorium, falsum et malitiose confictum.' Diese Anklagen seien schon häufig widerlegt worden. Trotzdem wird hier von neuem im An-

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Franz Ehrle,

schluss an Ubertino's Vertheidigung Olivi's geantwortet. Ich finde nur folgende neue Anklage:

Bl. 100 b. . . . 'Quod postea sibi imponitur, eum recitare ut quid fide dignum, quod beatus pater Franciscus resurget ante adventum Christi ad iudicium gloriosus , infideliter recitatur. Ait enim sie VII0 capitulo super Apocalipsini de resurrectione predicta: 'Audivi de viro spirituali valde fide digno et fratri Leoni eonfessori et socio beato Francisco valde familiari quoddam huic scripture consonum, quod nec scio nec assero nec censeo asserendum'. Ecce quomodo caute loquitur in ma- teria, in qua malignissinie accusatur.'

Bl. 102 a. . . . 'Quod autem in tertia parte libelli ponitur, quod dicta doctrina, quam dicit hereticam et erroneam, sectas habuit et habet peri- culosas.' Auch hierauf folgt die Antwort Ubertino's *. Hieran schliesst sich die früher 2 mitgetheilte Stelle in Betreff der Verehrung Olivi's. Es wird noch ausgeführt, keine Secte habe in der Lehre Olivi's ihren Ursprung gehabt, sondern nur der 'zelus fratrum pro paupertate zelan- tium', welche die Verpflichtung zum 'usus pauper' vertheidigten. Doch diese Ansicht, derentwegen sie Unsägliches zu leiden hatten, sei nun vom Concil von Vienne definirt.

Bl. 103a. . . . 'Que autem ponuntur in quarta parte dicti libelli fere omnia ex predictis falsis fundamentis, paucis super additis, repetuntur, in quibus predicta sententia fundatur.' . . .

'Falsum est etiam et notorie falsum, quod summus pontifex domi- nus Clemens illos fratres deposuerit propter bonum pacis solum. Nam non sine causa eorum culpas sie in particulari expressit, non sine causa sie exageravit, non sine causa inquisitionem fieri mandavit, non sine causa inquisitores assignavit. Et si pro bono paucis eos absolvit, cum constet et nimis notorium sit, quod eorum repositio statim turbationem in provincia generavit; de qua turbatione constabat ministro provincie et aliis fratribus, ut patet per protestationes ante eorum repositionem ei factas: liquet, quod dicta repositio contra intentionem summi ponti- ficis facta fuit; maxime cum etiam toto illo tempore intermedio, ante- quam ad officia reponerentur, fratres vocati per dominum papam et eis adherentes tarn per absolutos, quam per alios eorum complices pre- latos et subditos multipliciter sint afflicti nec in loco aliquo, in quo haberent depositi aliquam preeminentiam, vivere paeifice potuerunt. De litteris autem dominorum cardinalium scribentium sive pro impossi- bilitate sive pro possibilitate dicte repositionis satis in appellationibus

1 In dieser Zeitschr. II, 410.

2 In dieser Zeitschr. III, 443. Ich bemerke, dass daselbst Zeile 13 eher zu lesen ist: 'Dicere autem quin'. Die Hs. hat allerdings 'quando'.

Die Spiritualen.

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est dictum, hoc salvo, quod domini cardinales consultores hoc posse fieri intelligebant, quod hoc fieret sine offensa et reclamatione illorum, pro quorum pace conservanda fuerant absoluti, alias pontificalis ab- solutio nulluni habuisset effectum.

Bl. 104a. 'Quod autem dicitur, quod minister nullum de absolutis assignavit in custodem, sed fratrem GfuülelmumJ Astre, cuius obediencie iugum fugere non potuerunt quesito colore, quia per diffinitores, qui de numero depositorum erant, fuerat institutus ; quod probatur, quia diffini- toris officium non est dignitatis et prelationis, sed consiliarii solum; respondetur,' dies sei unrichtig, da die Definitoren eine entschei- dende Stimme haben, also ihr Amt eine Prälatur sei.

'Preterea unus de depositis scilicet frater Michael Monachi erat tunc diffinitor capituli generalis Barchinone celebrandi pro provincia electus, et tarnen propter depositionem illam privatus est illo officio et alius scilicet frater P. de Villa nova nunc guardianus Avinionis positus est auctoritate apostolica loco eius.

Quod etiam dicitur, quod minister ad dictorum fratrum maliciam convincendam ipsum fratrem Gfuillelmum Astre] instituit vicarium suum in dicta custodia, comittens eis totaliter vices suas; respondetur, quod casus sunt determinati in nostris constitutionibus, in quibus ministri possunt facere vicarium, scilicet quando accedit ad capitulum generale vel alias exiit de provincia, vel sie infirmatur, quod non potest provin- ciali capitulo interesse. Facere autem vicarium in una custodia, existente ministro in provincia, non est in ordine consuetum, et quod in certis casibus conceditur, in aliis denegatur. Preterea ipse idem frater Ray- mundus prius minister postea vicarius provincie tenens capitulum pro- vinciale Aquis celebratum dictum fratrem GfuülelmumJ coram omnibus de processibus, quos fecerat contra dictos fratres, dure reprehendit et protestatus est coram omnibus in pleno capitulo, quod nunquam fuit intentionis sue, quod ipse predicta faceret nec quod ad talia facienda sibi dare intenderet potestatem.

Quod autem ponitur postea de monasteriorum propria auctoritate occupacione, de fratrum obediencium ministro expulsione, de novellorum prelatorum institucione, de fratris GfuülelmiJ Astre violenta expulsione, de violenta in ministrum et aliorum fratrum manuum injectione, de mani- festa, notoria, dampnabili et violenta iniuriarum illatione, de fratris Jacobi Ortolani indebita captione, totum est falsum, sicut in appel- lationibus clarius continetur.

Quod autem additur, quod dicti fratres ab obedientia et communi- tate ordinis totaliter recesserunt, patens est mendacium. Si enim hoc fecissent et facere intendissent, nunquam ad generale capitulum (104 b) recurrissent nec nuncium misissent nec litteras destinassent , quod

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Franz Ehrle,

factum fuerat, denunciantes et remedium requirentes ; nec nunc ad pre- senciam reverendi patris ministri generalis, statim cum sciverunt, eum presentem in curia, accessissent. . .

Quod postea dicitur, fratres illorum conventuum libros, paramenta, lectos et res alias existentes in dictis conventibus distraxisse et dilapi- dasse, falsum est. Si quid autem rerum predictarum superfluum erat in conventu et illis temporibus est distractum, factum est non per fratres, sed per procuratores a sede apostolica deputatos, quibus secundum declara- tiones papales et privilegia ordines competit auctoritas talia faciendi. . .

Bl. 105a. Quod postea dicitur, dictos fratres diffamasse fratrem Bonagratiam et eius sequasses, gravia crimina imponendo, dicendum, quod ea, que responderunt , dixerunt iuxta illud consilium sapientis: Responde stulto iuxta stulticiam suam, ne sibi sapiens videatur; licet forci- tan melius fuisset sequi in hoc aliud consilium eiusdem sapientis: Ne respondeas stulto iuxta stultitiam suam, ne sibi similis efficiaris. Et sie si similes facti sunt stulto, possunt se excusare cum Paulo, qui ait: 'Stultus f actus sum, vos me coegistis' h . :.

Bl. 105 b. Quod postea asseritur, dictos fratres dampnare et per- vertere verum et darum intellectum constitutionis nove Exivi de para- diso etc., est mendacium consuetum, quod manifeste appareret, si collatio fieret eorum, que circa statum tradidit auetor libelli auditoribus a sede apostolica deputatis in concilio Viennensi cum articulis in dicta con- stitutione per ordinem declaratis, in quibus quasi omnibus est confusus.

Propter quod dicitur fecisse libellum contra dictam constitutionem, in quo probare nititur, quod fratres ad eius observantiam non tenentur. Et hic in curia est frater presens , qui libellum vidit in manibus eius et in libello eum legentem coram fratrum multitudine copiosa.

Quod autem postremo in hac parte subiungitur, quod dicti fratres diffamant mendaciter prelatos et subditos communitatis ordinis, asseren- tes, se solos et suos complices puritatis regule observatores et alios notorios transgressores , procedit de astuta malicia illorum , qui sub pallio communitatis et zelo honoris ordinis sua mala, transgressiones et innocentium oppressiones defendere moliuntur. Dicti enim fratres non dicunt se solos observatores regule et papalium statutorum, ymo credunt, multos et multos esse in communitate ordinis ipsos tarn in zelo quam in vita multipliciter transscendentes ; sed hec dixerunt et dicunt, quod aliqui sunt in ordine tarn subditi quam prelati, qui fratres volentes servare ea, que sunt per sedem apostolicam ordinata, crudeliter et immaniter afflixerunt ; sicut in scriptis dederunt domino pape et do- minis auditoribus, et etiam habet generalis minister; in qua scriptura

1 Das Folgende s. in dieser Zeitschr. III, 449.

Die Spiritualen.

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persone affligentes et afflicte, loca et tempora et cause afflictionum particulariter exprimuntur.

Post predicta omnia sequitur dicti libelli supplicatio quinto loco, ad quam non oportet aliud (?) dici, nisi quod consequenter talis est, qualia sunt fundamenta, falsa, perversa, impia et iniqua.

Bl. 106 a. [III.] Contra petitionem datam per fratres Gaufridum et Franciscum proponitur per fratres Guillelmum et Bonagratiam, quod est impertinens et inepta et ideo in ipso inicio reicienda. . .

Proponitur etiam contra dictorum fratrum petitionem1, quod de- clarentur ex octo causis et rationibus excommunicationum sententiis innodati. Doch diese acht cause treffen nicht zu; denn erstens seien sie nicht Apostaten vom Orden. 'Nec secunda ex privilegiis dominorum Alexandri et Clementis contra dampnabilem violentiam in- ferentes in locis fratrum, quia dicti fratres, ut falso supponitur, nulli violentiam intulerunt nec violenter loca occupaverunt nec de locis vio- lenter aliquem expulerunt.5 Nec tercia et quarta, que ad idem ten- dunt, contra retinentes apostatas post denuntiationem factam, tum quia fratres illi de Aquitania apostate non fuerunt nec sunt, quia non in- tentione apostatandi sed regulam observandi ad sedem apostolicam appel- laverunt. Si enim apostatare intendissent , cum licentia generalis ad curiam non venissent nec generali ministro se humiliter subiecissent. Sed nec q u i n t a ex sententia canonis Si quis suadente propter detentio- nem fratris Jacobi Ortolani, quia quicquid ibi factum est, fieri debuit secundum ordinis instituta, ut patet, per legitima documenta. Nec sexta ex sententia canonis contra recursus habentes ad brachium se- culare seu iudices seculares. Set si in hoc facto incurritur sententia, illi veraciter incurrerunt, qui sepe cum littera senescalli et sagionibus curie fratres dictos inquietaverunt in monasteriis et in villis et sepe cum manu armata non solum publica secl privata eos persequuti sunt de die in strata publica cum magnis scandalis et periculis personarum. Die siebente sollte sie getroffen haben als Häretiker, während sie

1 Die Spiritualen hatten verlangt : 1) 'Sententiam sive ordinationem pro- latam per dominum dementem in concistorio publico (wohl die Absetzung und Inhabilitirung der provencalischen Ordensoberen) innovari et in apostolicas litteras redigi' ; 2) 'petunt plenam facultatem observandi regulam, quam vove- runt; non intendunt petere hoc sibi concedi secundum eorum iudicium parciale, sicut eis imponitur, sed secundum ea, que sunt in generali concilio ordinata' ; 3) 'petunt pronunciari, omnes fratres in dictis conventibus commorantes et sibi adherentes fuisse et esse vere catholicos'.

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Franz Ehrle,

'viri catholici' sind; die achte als 'laborantes ad ordinis divisionem', während sie nur nach der Reform desselben strebten.

Ausserdem seien sie noch 'innodati tribus excommunicationum sententiis prolatis ab homine': erstens durch eine Sentenz des pro- positus Magalonensis ; doch derselbe hatte seine Competenz überschritten, weshalb der Erzbischof von Aix 'excitatus litteris dominorum cardina- lium' dessen Urtheil revocirt hatte. 'Secundo dicuntur ligati propter factum fratris Jacobi Ortolani, de cuius facti evidentia et dicti fratris stulticia et dictorum fratrum innocentia satis in appellationibus fuit dictum.' Die dritte Excommunication sollte auf ihnen lasten infolge eines Urtheils der Subdelegirten, des Bischofs von Agen, welches jedoch

unter anderm auch auf einen Brief des Cardinal Jakob Colonna hin

vom Bischof revocirt worden war.

Auf Bl. 124 a und 125 b finden sich folgende Notizen aus einer Summirung der Hauptpunkte des Processes. XX. Item concordant quod idem dominus propositus subdelegatus mandavit eisdem rectoribus, ut denunciarent fratrem Franciscum de Badonis et ceteros participes in captione fratris Jacobi Ortholani excomunicatos propter predictam in- iectionem manuum violentam. Videatur predictus processus productus per dictum fratrem Gr. Astre, signatus XX.

XXI. Item processus eiusdem domini prepositi factus contra cives Narbonenses et Biterrenses, qui dictos conventus cum armis defende- runt contra custodem et alios prelatos; inspiciatur; productus per fra- trem Gr. Astre.

XXII. Item concordant, quod frater G. Astre mandavit certis fra- tribus, ut monerent fratres comorantes Biterris et Narbone, ut infra certos terminos restituerent loca Narbone et Biterris ordini et seipsos, et suis superioribus per capitula provincialia institutis humiliter obedi- rent. Quod si contempnerent hoc implere, ipsos, quos ex tunc excom- municabat, in scriptis excommunicatos denunciarent i. Et hoc mandatum

1 Eines dieser Monitorien fand ich im vaticanischen Archiv : Instrumenta miscellanea C. fascic. 1, n. 5, 22. Februar 1316. Auf der Rückseite in gleich- zeitiger Schrift: 'Instrumentum continens stultum processum Guillelmi Astre cum sententia excommunicationis' ; in anderer Schrift derselben Zeit: 'Fratris Francisci', wohl der im Actenstück genannte Lector von Narbonne. Das Monitorium selbst besagt: Am 1. April 1316 'ante portam fratrum minorum conventus Narbone' übergibt 'fr. Franciscus Sancii lector in Narbona' folgendes Monitorium des fr. Guil. Astre dem Notar zur Veröffentlichung: 'Fr. Guil. Astre ord. fr. min. custos Narbone et Narbonensis custodie necnon et vicarius

Die Spiritualen.

63

fuit eisdem fratribus de Narbona et Biterris legitime intimatum, a quo man- dato predicti fratres de Narbona et Biterris appellarunt. Videantur Proces- sus, monitiones et apellationes producti per utramque partem, signati XXI.

XXII. Item concordant, quod simili modo cum citatione (?) per- sonali premissa monuit XXIIII fratres, [ut redirent?] ad conventus, a quibus sine licentia suorum superiorum recesserant et suis superioribus obedirent, que citationes et mandata ad eorum noticiam pervenerunt per fratres Guilhelmum Chauserii et Arnaldum Chaumarii et Raymun- dum Stephanii. A quo mandato ipsi citati ilico apellarunt. Videantur hec omnia producta per utramque partem, signata XXII.

XXIIII. Item concordant, quod frater G. Astre tunc custos Nar- bone et vicarius ministri sententialiter declaravit omnes fratres Narbone et Biterris comorantes credentes et defensores fratris Petri Johannis et errorum in doctrina ipsa contentorum, defensores insuper illius scis- matis, eorum errores in sententia ipsa expressos continentis, esse scis- maticos et hereticos, omnibus privilegiis ordinis denudatos. Premittitur enim in sententia, quod ipsi inobedientes asserunt, in libris fratris Petri nichil erroneum contineri, et tarnen duo articuli eius sunt ut dicta heretica condempnati in concilio Viennensi. Item quod dicunt, non esse obedien- dum prelato transgredienti notorie precepta sedis apostolice. Item quod aliqui ex eis predicaverunt, quod matrimonium non est aliud quam lu- panar occultum ; ideo custos predictus omnes Biterris et Narbone como- rantes, qui predicta defendunt et credunt, pronunciavit hereticos, nullum nominatim exprimendo.

XXV. Item concordant, quod per fratres Narbone et Biterris comoran- tes fuit contra dictam sententiam apellatum, si tarnen apellatio debet dici.

Item memoriale de insultu facto in salsis (?) et de litera regis Maioricarum super hoc.

ac locum tenens reverendi patris fratris Raymundi de Sayo ministri Provincie in predicta custodia, dilectis in Christo fratribus Guillelmo Chauserii gardiano Narbone, Petro Berengarü gardiano Biterris, Petro Estranee gardiano Per- piniani, Petro Savine (?) gardiano Villefranche , Guillelmo Salvelle gardiano Limosi, Arnaldo Charmari gardiano Carcassone, Raimundo Stephani gardiano Asiliani' einige Eiferer hätten die Convente von Narbonne und Beziers mit Gewalt (per potentiam secularium armatorum diu detinuerunt et detinent) be- setzt und verweigern den Gehorsam ohne die Exconununication zu achten oder die Befehle Clemens' V., 'que viva voce in publico consistorio protulit' (siehe oben S. 61). Falls sie innerhalb sechs Tagen nicht Folge leisten, erklärt er sie und ihre Gönner der Excommunication verfallen. 'Datum et actum in Castro Asiliani in domo fratrum minorum XXIa (!) die mensis februarii anno millesimo trecentesimo sexto decimo'. Vgl. diese Zeitschr. II, 162, Anm. 1.

64

Franz Ehrle,

3. Das Verhältniss der Spiritualen zu den Fraticellen. a. Zur Quellenkunde der Fraticellengeschiohte.

Bevor ich mich auf die Behandlung obigen Thema's ein- lassen kann, habe ich vor allem die Quellen der Fraticellen- geschiohte vorzulegen; dies um so mehr, als ich in der Lage bin, dem nichts weniger als reichhaltigen Verzeichniss derselben einige interessante Nummern anzufügen. Selbstverständlich be- absichtige ich nicht, hier alle auf diese Secte bezüglichen Stellen der Chroniken und ähnlicher Schriften, welche sich leicht in die Darstellung verweben lassen, zusammenzustellen, sondern be- schränke mich auf die grösseren, dieselbe ausschliesslich betref- fenden Actenstücke. Es sind dies vorzüglich päpstliche Schreiben und Processacten. Ich beginne mit ersteren.

I. Päpstliche Schreiben. Nach den Forschungen, welche Wad- ding und Raynaldus für ihre Annalen in der vaticanischen Regesten- sammlung angestellt haben, handelt es sich hier für uns nur mehr um eine Aehrenlese. Dieselbe ergab immerhin noch manches Schreiben. Ich verzeichne daher in aller Kürze das bisher Bekannte und füge die neuen Stücke ein.

Von den Schreiben absehend, welche Johann in Betreff der pro- ve^alischen Spiritualen, des theoretischen Armuthsstreites und der Beghinen und Begharden erliess, haben wir für unsern Gegenstand vor allem die beiden Schreiben 'Sancta romana' vom 30. December 1317 1 gegen Angelo und seinen Anhang, sowie andere ungesetzliche Ordens- bildungen, sodann 'Gloriosam ecclesiam' vom 23. Januar 1318 2 gegen die tuscische Gruppe. Zum Einschreiten gegen diese letztere hatte Jo- hann bereits am 15. März 1317 3 König Friedrich von Sicilien aufge- fordert und zwar mit gutem Erfolg.

1 In den Extravag. Joannis XXII. tit. VII. De religiosis domibus, cap. unic; bei Bzovius ad an. 1318, n. 1; sodann in der Regesta Vatic. Joannis XXII. (n. 67) an. 2i, part. 1, f. 322a, epist. 1068.

2 In Eymericus, Directorium inquisitorum, ed. F. Pegnae, Venetiis 1607, append. p. 58; bei Raynaldus ad an. 1318, n. 45 fehlt der Eingang und in Regesta Avenion. Joannis XXII. an. 2i, tom. 7, f. 238a.

3 S. das Schreiben in Wadding ad an. 1317, n. 9 aus Regesta Vatic. Joannis XXII. (n. 109) secret. tom. 1, f. 26 b, epist. 106.

Die Spiritualen.

Ein Schreiben vom 1. August 1322 1 schärft die Decretale 'Sancta Romana' allen Bischöfen und Inquisitoren der Christenheit von neuem ein. Aus Sicilien vertrieben, fanden die Fraticellen für lange Zeit im Neapolitanischen eine sichere Unterkunft. Doch wurden 1325 und 1327 der Provinzialminister, der König und die Feudalherren gegen sie auf- geboten. Ich theile diese für unsere Fragen wichtigen Schreiben, von welchen nur das erste von Mosheim 2 bereits gedruckt, das letztere von Wadding 3 bloss nebenbei erwähnt wurde, mit.

1. Roberto regi Sicilie illustri. Constitutionen!, fili carissime, non contra fratrum minorum ordinem, sed contra nonnullos, [ex] illis fra- tribus, qui se Spirituales nominant, adherentes eorumque doctrinam sequentes pestiferam, sanctam romanam ecclesiam eiusque statuta falsis insaniis satagunt impugnare, nos, excellentia regia noverit, de fratrum nostrorum consilio edidisse, cuius tenorem regie providentie, ut eidem innotescat de illa plenius, in cedula mittimus presentibus interclusa.

Datum II. nonas febroarii, anno (4. Februar 1325). [Re- gesta Vaüc. Joannis XXII. (n. 113) secret. an. 9 et 10, tom. 5, f. 58 a epist. 445.]

2. Eidem regi. Ad nostram nuper deducto noticiam, quod non- nulli Beguini, quorum secta, velut fidei catholice inimica, dampnata per ecclesiam romanam extitit, de terris regni tui Sicilie ad terras du- catus Calabrie, ut ibidem errores suos disseminare valeant, fugerunt; excellentiam regiam deprecamur, quatinus pro divina et apostolice sedis reverencia zeloque fidei orthodoxe, quoscumque tales Beguinos, re- belles et hereticos, ne suis erroribus possint fideles inficere, capi facias, et suis assignari ordinariis pro demeritis puniendos, ita quod preter perennis boni premium dignis merearis in domino laudibus commendari.

[L. c. f. 59 a, epist. 452]

Item Carolo duci Calabrie in eundem modum mutatis mutandis. Datum Avinione VI. idus maii, anno (10. Mai 1325).

3. Dilecto filio Nicoiao de Regio de ordine fratrum minorum pro- vincie Calabrie ministro. Perducto nuper ad nostri apostolatus audi- tum, quod nonnulli prophani viri, qui fraticelli de paupere vita vulgariter nuncupantur, quorum sectam, ritum et statum ex illorum detestatione dampnatos dudum publico et notorio nostre constitutionis edicto cassa-

1 Abgedruckt in Waddings Annales, Regest. Pontificum, 1322, n. 118 aus den Eegesta Vatic. Joannis XXII. (n. 73) communes an 6i f 407 a epist. 1189.

2 De beghardis et beguinabus p. 638.

3 Ad an. 1327, n. 9.

Archiv für Literatur- und Kirchengeschichte. IV. 5

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Franz Ehrle,

vimus, de Sicilie insula in provincia Calabrie orrepunt, non sine horrendo et timendo contagio Christi fidelium dicte provincie inibi habitantium : nos cupientes morbo hujusmodi actore domino salubriter obviare ac gerentes de tue eircumspectionis industria fiduciam in domino specialem, discretioni tue auctoritate nostra, capiendi et arrestandi seu detinendi captivos per te vel alium seu alios, quos in dicta provincia reperiri contigerit, per alias nostras certi tenoris litteras concedimus facultatem *. Verum, quia de personis et conditionibus fratricellorum ipsorum noticiam in ipsis partibus habere poteris pleniorem, discretioni tue per apostolica scripta mandamus, quatinus quid expediat pocius, eos videlicet in eis- dem puniri partibus aut istis, tarn de hiis quam de ipsorum fratricello- rum nominibus et cognominibus , ac in quibus locis eos arrestari et detineri contigerit, studeas nos per tuas literas quantocius reddere certio- res; sciturus, quod tarn carissimo in Christo filio nostro Roberto regi Sicilie illustri quam dilectis filiis nobilibus prelibate provincie, quod tibi super premissis assistant, dirigimus litteras oportunas. Datum Avinione nonis martii, anno 11° (7. März 1327). [Regesta Vatic. Joannis XXII. (n. 114) secret. an. 11 et 12, tom. 6, f. 60 a, epist. 967.]

4. Regi Sicilie. Perducto etc. ut in proxima usque obviare. Ro- gamus excellentiam regiam, requirimus pariter et hortamur attente, qua- tinus dilecto filio Nicoiao de Regio ordinis fratrum minorum provincie Calabrie ministro ad requisitionem ipsius super captione et arrestatione seu detentione fratricellorum ipsorum pro nostra et apostolice sedis re- verencia per te ac officiales seu subditos tuos assistas auxiliis consiliis et favoribus oportunis, ita quod super hoc dignis in domino valeas laudibus commendari. Datum ut supra.

In eundem modum mutatis mutandis dilectis filiis universis nobili- bus per provinciam Calabrie constitutis. Datum ut supra. [L. c. f. 60 a, epist. 968. ]

Eine ähnliche Aufforderung erging am 22. November 1331 2 an

1 S. dies Schreiben 1. c. f. 57 b, epist. 950. Es stimmt mit obigem wört- lich überein bis 'reperiri contigerit'. Hierauf heisst es in demselben : 'contra- dictores per censuram ecclesiasticam appellatione postposita compescendo, in- vocato ad id, si opus extiterit, auxilio brachii secularis; non obstante, si eis aut ipsorum aliquibus comuniter vel divisim a sede apostolica sit indultum, quod interdici suspendi vel excommunicari non possint per litteras apostolicas non facientes plenam et expressam ac de verbo ad verbum de indulto huius- modi mentionem, plenam et liberam hac vice concedimus tenore presencium facultatem. Datum Avinione nonis martii (7. März 1327).

2 Abgedruckt in Wadding ad an. 1331, n. 2 aus Regesta Vatic. Joannis XXII. (n. 116) secret. an. 15 et 16, tom. 8, f. 231a, epist. 1195.

Die Spiritualen.

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den Bischof von Mein in der Basilicata und die neapolitanischen In- quisitoren gegen jene, welche als 'fratres de vita paupere' unter der Leitung 'cuiusdam nequam hominis videlicet Angeli de Valle Spoletana ideotae utique' Irrthümer lehrend, 'falsas pronunciantes iudulgentias et plures personas ad confessionem sacramentalem, licet claves non habeant . . . admittentes' eine gefährliche Secte bildeten. Ob wir hier an fr. Angelus de Clareno zu denken haben, wage ich nicht zu entscheiden. Gegen diese Identificirung spricht die Angabe 'de Valle Spoletana' und die Kennzeichnung als eines unwissenden Idioten; für dieselbe der Um- stand, dass in der Basilicata die Gruppe Angelo's Wohnsitze hatte.

Woher es kam, dass sich die Fraticellen im Neapolitanischen so lange halten konnten, erklären uns mehrere Briefe an König Robert, die Königin Sancia und deren Bruder Philipp von Majorca. Aus ihnen ersehen wir, einen wie mächtigen Rückhalt die spiritualistische Partei und die ihr so nahe stehenden Fraticellen an diesem Hofe hatte. König Robert, unter dessen Namen uns sogar in cod. 4046 1 der Pariser National- bibliothek ein Tractat zu Gunsten der Ansicht des Peruginer Ordens- kapitels erhalten ist, hatte, wie es scheint, selbst 1331 die gegen Michael von Cesena erlassenen päpstlichen Schreiben in seinem Königreich nicht veröffentlichen lassen.

In dem Schreiben an Philipp 2 haben wir wohl die Antwort auf die ihm vermuthlich von seinem geistlichen Leiter Angelus de Clareno in den Mund gelegte Bitte um Wiedergewährung der einst von Cölestin V. ertheilten Erlaubniss zur Bildung einer eigenen Genossenschaft.

5. Philippo de Maioricis. Utinam fili diligenter attenderes, quod imputatur parti ad indecentiam, que suo non congruit universo. Credi- mus enim, quod si hoc attenderes sedule, vitam non eligeres singu- larem, sed si te vita[m] religiosorum mendicantium delectaret, intrares unam de approbatis religionibus , in qua, ut tenemus indubie, perso- nas scientia pollentes et moribus, cum quibus spirituales consolationes haberes varias ac de virtute in virtutem procedens tibi posses proficere et pro tempore aliis reperires (!). Si autem tibi placeret deo in societate

1 ff. 72 b bis 82 a. 'Incipit tractatus editus a rege Roberto Jerusalem et Sicilie de apostolorum ac eos precipue imitantium evangelica paupertate'; vgl. Baluze, Miscellanea ed. Mansi III, 270. Hierher gehört auch die Begünsti- gung Michaels von Cesena.

2 Vgl. über ihn diese Zeitschr. I, 543. 545. 548. 564 s. ; III, 29, wo von einem ähnlichen Bittgesuch die Rede; vgl. I, 548. S. auch oben S. 9. 40. Ein drittes ähnliches Gesuch mit der interessanten Antwort Benedikts XII. s. in Wadding ad an. 1340, n. 24. In Betreff einer Predigt Philipps gegen Jo- hann s. unten S. 94, ferner S. 97.

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Franz Ehrle,

clericorum secularium deservire, nos parati essemus, tibi iuxta tuum deservire beneplacitum , prout esset nobis possibile, sicut et fuimus alias i, sicut de tua non credimus memoria excidisse. Cogita igitur fili super hiis diligenter deumque depreceris obnixe, ut cor tuum illuminet et ad eligendum viam, que ad supernam Jerusalem feliciter te perducat. Datum VII, kal. febr. anno 15° (26. Januar 1331). [Regesta Vatic. Joannis XXII. (n. 116) secret. an. 15 et 16, tom. 8, f. 91a, epist. 426.]

6. Eidem regi [Sicilie]. Dilecto filio Philippo de Maioricis scri- bimus, prout continet cedula presentibus interclusa, serenitatem regiam attentius exhortantes, ut consideratis hiis, que sibi scribimus, eundem efficaciter ad ea, que anime sue saluti ac honori suo et domus sue noverit regalis magnificentia cedere, inducere non postponat. Datum wie oben. - [L. c. f. 91b, epist 431.]

Regine Sicilie. Dasselbe. [L. c. epist. 432]

7. Regi Sicilie 2. Ad nostrum fili carissime noviter pervenit au- ditum, quod nonnulli apostate ac excommunicati et rebelles sancte ro- mane ecclesie de illa secta dampnata fratricellorum in Regno et terris regie ditioni subiectis commorari domosque recipere necnon seminare ac dogmatizare cum quadam quasi securitatis fiducia multa erronea, non absque divina et eiusdem ecclesie contumelia plurimorumque periculis et scandalis non verentur, de quibus nonnulla colligere regia Providentia poterit ex cuiusdam serie littere transmisse per quosdam ex eisdem apostatis, cuius tenor est presentibus interclusus. Er möge die Ge- fahr beherzigen und den Inquisitoren zur Austilgung der Secte behilflich sein, _ Ceterum ut, quid dudum ad supposita nobis per dilectum filium Philippum de Maioricis sororium tuum eidem rescripserimus, prudentia regia non ignoret, ecce quod suppositionis sue 3 nostrarumque litterarum ad eam responsalium tenores inclusa cedula presentibus plenius indicabit. Quem quidem Philippum, cuius prestolabamur adventum, postmodum non

1 Schon vor seiner Abreise nach Neapel war Philipp nach seinem Ein- tritt in den Clerikerstand von Johann mit mehreren Beneficien ausgestattet worden. Da Philipp dieselben (als er statt nach Avignon, wie der Papst es gewünscht hatte, nach Neapel abreiste) einfach aufgab, ordnete Johann 1331 die vorläufige Verwaltung derselben an. S. Regesta Vatic. Joannis XXII. (n. 116) secret. an. 15 et 16, tom. 8, f. 8 a, epist. 33.

2 L. c. f. 95 b, epist. 477 er möge den Ordensminister Geraldus in seinen Bemühungen zur Ausrottung der Fraticellen kräftigst unterstützen, dd. III. id. aug. an. 15°.

s Wahrscheinlich die von Wadding (ad an. 1328, n. 31) aus Regesta Vatic. Joannis XXII. (n. 115) secret. an. 14 et 15, tom. 7, f. 176 mitgetheilte (undatirte) Supplik Philipps.

Die Spiritualen.

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vidimus, sed audivimus, quod ad eas partes se duxit nostris neglectis consiliis et persuasionibus transferendum. Datum II. idus decembris anno 15° (12. Dezember 1331). - [L: c. f. 91a, epist. 427. ]

Regine Sicilie. Perducto noviter ad nostri apostolatus auditum . . Dasselbe. [L. c. epist. 428.]

^ 8. Eidem regi [Sicilie]. Nach anderm : Litteras apostolicas missas certis personis per nostrum nuncium pro meliori noluisti tunc temporis publicari. Profecto fili non videtur tibi tutum nec honorabile, litteras apostolicas, presertim que ad negotium fidei pertinent, ulterius retinere nec publicationem earum aliquatenus impedire; ideoque requirimus pru- dentiam regiam et hortamur in domino, ut dictas litteras Ulis, quibus diriguntur assignare taliter facias, quod eas valeant publicare. Sicut alias regie celsitudini scripsimus, non est regnum inter christianos, in quo non fuerint similes publicate. Et si aliquorum mentes moveant rationes, quas hereticus ille Michael de Cesena contra nostras con- stitutiones cum suis fautoribus fabricavit, te, cuius intellectum deus illuminavit multipliciter, movere non debent. Datum VIII. idus iulii anno 15° (8. Juli 1331). [L. c. f. 96b, epist. 486.]

Endlich fand ich von Johann noch einen Brief gegen einige häre- tische Brüder der Erzdiöcese Genua. Obgleich dieselben nicht ausdrück- lich als Praticellen genannt werden, lassen doch die in dem Schreiben auf sie angewandten Bezeichnungen vermuthen, dass es sich um diese Secte handelte. Wichtiger ist das letzte Schreiben, welches mit dem unten unter n. 13 veröffentlichten zusammenzuhalten ist und unten bei Besprechung der 'Michaelisten' verwerthet werden wird.

9. Bartholomeo archiepiscopo Januensi. Assertione fide digna percepta, nonnullos fratres ordinis minorum hereticos seu de heresi (!) pravitate vehementer suspectos, quorum noticiam dilectus filius Jacobus de Portuli familiaris noster habere se asserit, in illis partibus existere, errores ac hereses in eisdem dogmatizantes partibus, ut alios in preci- pitium secum trahant; so befiehlt er ihm, er solle diesem Jacobus de Portuli zur Gefangennahme derselben behilflich sein. Datum IUI. idus septembris an. 18° (11. September 1333). [Regesta Vatic. Joannis XXII. (n. 117) secret. an. 17 et 18, f. 271b, epist. 1400.]

10. Laurentio de Ancona ordinis fratrum minorum, inquisitori he- retice pravitatis in Marchia Anconitana auctoritate apostolica deputato. Multorum relatio ad nostrum perduxit auditum, quod nonnulli fratres tui ordinis minorum de regni Sicilie citra Farum et Veneciarum parti- bus, qui dudum serpentina deceptione seducti se ab obedientia romane ecclesie ac ordinis predicti et prelatorum eiusdem in suarum animarum salutis dispendium subtrahentes, illius hominis reprobi Michaelis de Ce-

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Franz Ehrle,

sena olim supradicti ordinis generalis ministri, de heresi sententialiter con- dempnati eiusque sequacium et complicum dampnatoruin secuti fuerant, deambulando per diversoria mortis precipites, dampnabilia devia et errores, nunc saniori ducti consilio , apertis inspirante domino rationis oculis, quos detestanda delictorum huiusmodi clauserat enormitas, se cognoscunt ab unitate ecclesie dampnabiliter separasse tactique cordis dolore intrinsecus, ad eandem redire desiderant unitatem. Nos autem, qui summi et eterni pastoris vices insufficientibus meritis in terris geri- mus, confovere volentes in votis tarn salutaribus fratres ipsos; atten- dentes quoque, quod tu ordinis prelibati professor, fratrum eorundem salutis animarum zelator ex debito caritatis existis; so bevollmächtigt er ihn (für die nächsten sechs Monate) die reumiithig Zurückkehrenden nach Auferlegung einer entsprechenden Busse von dem Banne zu befreien. Datum X. kal. maii an. 18° (22. April 1334). - [L. c. f. 128b, epist. 1145.]

Die von Johann in den Jahren 1333 und 1334 gegen Angelo und seinen Anhang erlassenen Schreiben habe ich bereits oben 1 mit dem durch dieselben veranlassten Process mitgetheilt.

Nicht geringem Eifer als Johann bethätigte seit den ersten Jahren seines Pontificates Benedikt XII. Bereits im Juli 1335 erliess er eine Reihe von Schreiben an die Inquisitoren und Bischöfe von fast ganz Italien gegen die Anhänger der Secte, welche er als 'se fratri- cellos sive fratres de paupere vita nominantes' bezeichnet. Wadding theilt das für den Inquisitor der Mark von Ancona gerichtete Schreiben vom 9. Juli 1335 mit. Ich füge im Auszuge die übrigen um jene Zeit erlassenen Schreiben hier an, von welchen die an einige Feudalherren der Mark gerichteten besondere Beachtung verdienen.

11. Dilecto filio . . inquisitori heretice pravitatis in Marchia An- conitana auctoritate apostolica deputato. Licet dudum secta illa pesti- fera, que fratricellorum seu fratrum de paupere vita dicebatur vulgariter, reprobata et dampnata perpetueque prohibitioni subiecta fuerit per sedis apostolice providentiam circumspectam, nonnulli tarnen pernitiosi homines et perversi, se fratricellos seu fratres de paupere vita nominantes, sub habitu, quem gestare ante reprobationem predictam solebant homines dicte secte, in Marchia Anconitana 2 suas iniquas et dampnatas congre- gationes, sicut habet multorum assertio, faciunt et periculosos et de- testandos errores et hereses ibidem disseminant . . . er soll ,gegen sie und ihre Beschützer vorgehen ... et ut de ipsorum erroribus et heresi-

1 S. oben S. 16.

2 Daselbst überhaupt ein Hauptsitz derselben, wo sie vom Bischof (s. unten 'k 73) und den Feudalherren begünstigt wurden (s. unten Nachtrag).

Die Spiritualen.

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bus habere valeas cicius et plenius veritatem, libris et scripturis eorum per te , sicut cautius poteris , perquisitis et captis ad correctionem et punitionem ipsorum ac complicum . . . procedere . . . procures. Datum in Castro Pontissorgie Avinionensis diocesis VII. idus iulii anno (9. Juli 1335). [RegestaVatic. Benedicta XII. (n. 130) secret. an. 1, f. 66 a, epist. 410; ganz bei Wadding ad an. 1335, n. 11.]

Epist. 411—420. In eundem modum inquisitori partium Lom- bardie, Tuscie, provincie Romandiole, Marchie Tervisine, ducatus Spo- letani, regni Sicilie citra Farum, insule Sicilie, Sclavonie, provincie Romane.

12. 'Dilectis filiis nöbilibus viris Petro Sacconis et Tarlato de Petra- mala K Infesta multorum assertione percepimus hiis diebus', sie hätten die längst verurtheilten 'fratricelli', welche 'suas congregationes iniquas in illis partibus, sicut asseritur, faciunt . . . receptasse et receptare ipsisque prestitisse et prestare dicemini . . . auxilia, consilia et favores' ; sie sollten dieselben einfangen und dem Inquisitor ausliefern. Datum wie oben. [L. c. f. 66 b, epist. 420]

13. Dilectis filiis nöbilibus viris Sinibaldo de Ordalafis2 et Francisco eius nato. Infesta multorum wie oben; trotz der Verurtheilung der 'fratricelli' hätten sie 'Azolinum olim ordinis fratrum minorum nunc vero, ut asseritur, hereticum et de heresi sentencialiter condempnatum ac quos- dam alios homines impios , qui se fratricellos' nennen, in ihren Schutz genommen u. s. w. wie oben. Datum ut supra. [L. c. f. 67 a, epist. 421]

14. 'Venerabiiibus fratribus universis episcopis per Marchiam Anco- nitanam constitutis. Licet dudum secta illa et c. ut in prima' sollen den Inquisitoren behilflich sein. Datum ut supra. [L. c. epist. 422]

Epist. 423—431. In eundem modum an die Bischöfe der oben n. 11, epist. 411 f. genannten Provinzen.

Wie wir aus den Schreiben erfahren, welche Benedikt im Sommer des folgenden Jahres (1336) erliess, gewann die Secte trotz aller Be- mühungen der Päpste noch immer an Boden ; eine Erscheinung, welche in dem anarchischen Zustande des Landes und in der Gunst, in welcher 'die armen Brüder' am neapolitanischen Hofe und bei anderen kleineren Feudalherren standen, ihre Erklärung findet. Gerade diese Begünsti- gung derselben veranlasste Benedikt zu einem von Raynaldus 3 mit- getheilten Schreiben an König Robert vom 24. Juni 1336, welches uns zeigt, dass die Fraticellen selbst in Neapel Unterkunft gefunden hatten.

1 Pier Saccone de' Tarlati da Pietramala Herr von Arezzo 1337.

2 Die berühmte Familie von Forli.

3 Ad an. 1336, n. 63 aus Regesta Vatic. Benedicti XII. (n. 131) secret. an. 2, tom. 2, f. 52 b, epist. 189.

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Franz Ehrle,

Eine Reihe anderer sehr wichtiger Schreiben gingen am 23. Juni und 31. Juli desselben Jahres (1336) nach Italien an den päpstlichen Legaten und die Rectoren der verschiedenen Provinzen des Kirchen- staates. Sie enthalten für meine folgende Darstellung wichtige Angaben.

15. Venerabiiibus fratribus Bertrando archiepiscopo Ebredunensi et Johanni episcopo Anagnino nostro in spiritualibus Urbis vicario. Dudum ad audientiam nostri apostolatus perducto, quod quidam perniciosi ho- mines et perversi se fraticellos seu fratres de paupere vita dicentes, quorum secta pestifera olim per sedem apostolicam dampnata extitit et perpetue prohibitioni subiecta in Urbe ac terris ecclesie romane im- mediate subiectis circumvicinisque partibus commorantes errores et he- reses varios periculose nimium seminabant, tarn ordinariis quam dilectis filiis . . inquisitoribus heretice pravitatis in prefatis Urbe, terris ac partibus auctoritate apostolica deputatis dedisse per nostras certi tenoris diversas licteras meminimus in mandatis, ut commissum eis inquisitio- nis officium solerter et fideliter super hiis et aliis negotium inquisitio- nis tangentibus exequentes, de predictis nequam hominibus eorumque receptatoribus complicibus, fautoribus et valitoribus ac eorum et cuius- libet ipsorum in hac parte criminibus , delictis et. erroribus veritatem inquirere solerti adhibita diligentia procurarent, ad captionem, correctio- nem et punitionem eorum secundum sanctiones canonicas et privilegia concessa eidem inquisitionis officio nichilominus processuri. Sane cum, sicut ad nos noviter est perlatum, predictorum malorum et super- sticiosorum hominum presumptio periculosa et temeraria non est in illis partibus diminuta sedaucta, cum nedum ipsi, quin ymmo quam plures alii eorum, sub aliis tarnen diversis fictis habitibus sequentes et imitantes dampnata vestigia in eisdem Urbe, terris et partibus, necnon et in regno ac terris Sicilie disseminantes varios errores et hereses, non sine multorum fautorum consiliis et auxiliis commorantur. Nos igitur tantis periculis obviari salubriter cupientes, befehlen, sie sollten mit allem Eifer an die Aufspürung und Bestrafung der Schul- digen gehen, 'ita quod pestifera labes extirpetur huiusmodi et catholice fidei claritas remaneat illibata' ... Datum Avinione IX. kal. iulii an. (23. Juni 1336). [Regesta Vatic. Benedicti XII. (n. 131) secret. an. 2, f. 42 a, epist. 147. ]

Epist. 148 153. In eundem modum magistro Hugoni Augerii, canonico Narbonensi, rectori patrimonii beati Petri in Tuscia ma- gistro Rogerio de Vinto , canonico Ruthenensi , Campanie Maritimeque ac civitatis Beneventane rectori, magistro Canhardo de Sabalhano,

1 Er wird auch bevollmächtigt, die Ausführung anderen zu übertragen.

Die Spiritualen.

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canonico Rivensi, rectori Marchie Anconitane, magistro Raimundo de Poioliis, archidiacono Petragoricensi, ducatus Spoletani rectori, magistro Guillelmo Arnaldi de Querio, canonico Conseranensi, Romandiole rectori.

16. Venerabiii fratri Bertrando, archiepiscopo Ebredunensi apostolice sedis nuncio. Rektum est nobis, quod quidam fratres ordinis mino- rum, qui quondam Petro de Corbario, dum erat heresiarcha caput illius horribilis scismatis, quod tempore felicis recordationis Johannis XXII. predecessoris nostri extitit contra deum et sedem apostolicam fidemque catholicam attemptatum, ac Michaeli de Cesena dudum de heresi con- dempnato necnon et Ludovico de Bavaria iniurioso invasori regni Ro- mani et imperii adheserunt, sicut asseritur, in Anconitana Marchia com- morantes statuta vilipendere canonica, ordinationibus et determinationibus sedis apostolice mendaciter detrahere, memoriam eiusdem predecessoris denigrare ac dilacerare sub murmurationibus temerariis et nonnulla alia verbis et factis, que fidei puritati catholice bonisque moribus sunt obvia suoque ordini dedecentia committere non verentur; nos igitur pre- missa sub dissimulationis necglectu, si veritas suffragetur relatibus, no- lentes absque correctione debita pertransire, fraternitati tue per apo- stolica scripta committimus et mandamus, quatenus per te vel alium seu alios simpliciter et de piano sine strepitu et figura iudicii super pre- missis et ea quomodolibet tangentibus veritatem inquirens, fratres ipsos, quos de predictis vel eorum aliquibus diffamatos vel culpabiles repereris peremtorie citare procures, ut infra certum terminum peremtorium com- petentem per te sibi super hoc prefigendum apostolico conspectui persona- liter se presentent responsuri, facturi et recepturi, quod iustitia suadebit, diem autem etc. Datum ut supra [apud Pontemsorgie, II. kal. augusti an. (31. Juli 1336)]. [Regesta Vatic. Benedicti XII. (n. 131) secret. an. 2, f. 59 b, epist. 212.]

Ein folgender Brief (L c. epist. 213) wiederholt den Inhalt des vor- hergehenden, bevollmächtigt jedoch den Adressaten, die Vorgeladenen, falls sie sich nicht freiwillig stellen, gefänglich einzuziehen.

17. Venerabiii fratri Bertrando archiepiscopo Ebredunensi apostolice sedis nuncio. Ad nostri apostolatus auditum quorundam fide dignorum assertione pervenit, quod venerabilis frater noster Franciscus episcopus Camerinensis 1 deum et ecclesiam romanam , cui iuramento fidelitatis esse astrictus noscitur, graviter offendere seque ac statum suum gravi- bus periculis subicere non formidans, quibusdam perniciosis et scanda- losis hominibus se fratricellos seu fratres de paupere vita nominantibus, quorum secta pestifera iam dudum per sedem apostolicam dampnata

1 Franciscus Monaldus 1328—1347 (?), 1356 wird ein Nachfolger genannt.

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Franz Ehrle,

extitit et perpetue prohibitioni subiecta, in Marchia Anconitana, ad quam venisse ibique suas conventiculas facere ac dampnatos errores et hereses disseminare ac docmatizare dicuntur, adhesit et adheret ipsos- que receptavit et receptat; necnon tarn ipsis quam rebellibus, occupa- toribus et detentoribus honorum, bonorum et iurium ecclesie memorate in Marchia supradicta prestitit et prestare non desistit multipliciter contra nos et eandem ecclesiam auxilia, consilia et favores ; nolentes igitur, sicut etiam nec debemus talia, si veritas suffragetur relatibus, abs- que correctione debita conniventibus oculis pertransire, fraternitati tue per apostolica scripta committimus et mandamus, quatinus si per informatio- nem a te simpliciter et de piano sine strepitu et figura iudicii facien- dam, prefatum episcopum de premissis vel eorum aliquibus infamatum publice repereris, eum per te vel alium seu alios peremptorie citare procures, ut infra certum peremptorium terminum competentem per te sibi super hoc prefigendum, apostolico conspectui personaliter se pre- sentet, pro demeritis recepturus ac responsurus et facturus, quod iustitia suadebit; diem autem huiusmodi citationis et formam etc. Datum ut supra. [L. c. f. 60b, epist. 216. J

Item eidem archiepiscopo similis littera contra Jacobum episcopum Firmanum *. Datum ut supra. [L. c. f. 61a, epist. 217.]

Aus den Pontificaten Clemens' VI. (1342— 1352)2 und Inno- cenz' VI. (1352— 1362) 3 sind vor allem die beiden Schreiben an die Bischöfe, den Clerus und das Volk von Armenien (vom 29. Mai 1344) und den Bischof von Jaffa in Palästina zu erwähnen, welche Raynal- dus4 veröffentlicht hat. Dieselben zeigen uns nicht nur die Ausbrei- tung der Secte bis nach dem fernen Orient, sondern belehren uns auch über deren Irrthümer. Zumal wird die Läugnung der Rechtmässigkeit aller Päpste seit Bonifaz VIII. hervorgehoben, wovon eine Abtheilung der Secte die Bezeichnung 'fraticelli della opinione' erhielt. Von Clemens VI. habe ich noch ein Schreiben vom 24. April 1346 an den General und die Provinziale des Franziskanerordens nachzutragen, in welchem die dem Orden entnommenen Inquisitoren sträflicher Lässig- keit in Verfolgung der Secte beschuldigt werden. Raynaldus 5 erwähnt dasselbe nur kurz.

1 Jacobus de Cingoli 0. Pr. 1334 bis c. 1348.

2 Regesta Vatic. Clementis VI. (n. 138) secret. an. 3, epist. 52.

3 Regesta Vatic. Innocentii VI. (n. 225) an. 2, lib. 1, f. 8 a, epist. 23. Ein zweites fast gleichlautendes Schreiben vom 12. December desselben Jahres s. 1. c. (n. 227) an. 2, lib. 3, f. 5 b, epist. 16.

* Ad an. 1344, n. 8 und ad an. 1354, n. 31. 5 Ad an. 1346, n. 70.

Die Spiritualen.

75

18. Dilectis filiis . . generali et provincialibus ministris ordinis fra- trum minorum. Intelleximus displicenter, quod licet in diversis par- tibus multi fratricelli, quorum secta per ecclesiam reprobata extitit et dampnata, pestiferos errores et hereses disseminare periculose nimium moliuntur, tarnen nonnulli fratres vestri ordinis, quibus inquisitionis heretice pravitatis in diversis sibi decretis provinciis negocium auctori- tate apostolica est commissum, super corrigendis et puniendis fratricellis eisdem super predictis ac eisdem erroribus et heresibus extirpandis, se reddunt et reddiderunt hactenus nimium negligentes. Cum autem ne- gligentia huiusmodi eo nobis sit molestior non indigne (?), quo veremur ex ea fidei catholice maiora pericula proventura, discretioni vestre per apostolica scripta in virtute obediencie districtius iniungendo mandantes, quatenus vos et quilibet vestrum eosdem inquisitores commonere ac solicitare curetis, ut ipsi adhibita fideli et solerti diligentia sie super premissis sui debitum officii exequantur, quod potius de ipsa commen- dari valeant, quam de negligentia redargui vel puniri. Si vero de ne- gligentia huiusmodi certificati fueritis, super quo vos esse volumus dili- gentes, exinde nos certiores efficere quantocius procuretis. Datum ut supra [Avinione VIII. kalendas maii anno (24. April 1346). [Regesta Vatic. Clementis VI. (n. 139) secret. an. 4, epist. 1107.]

Trotz aller dieser Bemühungen blieb Italien auch für die Folge die eigentliche Heimat dieser Secte. Dies ersehen wir von neuem aus einer Anzahl von Briefen, welche Innocenz VI. 1354 an seinen Legaten, den thatkräftigen Cardinal Albornoz, sowie an die Erzbischöfe von Capua, Benevent, Neapel und Pisa sandte. Von denselben hat Wadding 1 das an den Erzbischof von Capua veröffentlicht; ich trage die übrigen kurz nach.

19. Dilecto filio Egidio tituli saneti Clementis presbytero cardinali apostolice sedis legato. Eomanus pontifex, ad quem ex officii sui de- bito principaliter pertinet. . . Sane rumor infestus nostrum noviter perturbavit auditum, quod in Urbe, in qua fides ipsa catholica et evange- lica preeipue splenduerunt, et in quibusdam aliis circumvicinis partibus nonnulli supersticiosi perditionis filii fratricelli vulgariter nuneupati ac eciam alii . . . wie in epist. 5. Datum Avinione IUI. kalendas novembris anno (29. October 1354). [Regesta Vatic. Innocentii VI. (n. 227) an. 2, lib. 3, f. 2b, epist. 4.J

Venerabiii fratri . . archiepiscopo Beneventano . . . ut in proxima superiori usque ad finem.

Venerabiii fratri . . archiepiscopo Neapolitano ... ut in tercia superiori usque ad finem. [L. c. f. 3b, epist. 6. 7]

1 Ad an. 1354, n. 7 aus den Regesta Innocentii VI.' (n. 227) an. 2, lib. 3, f. 2 b, epist. 5.

76

Franz Ehrle,

20. Venerabiii fratri . . archiepiscopo Pisano. Multa etc. ut in quinta superiori usque in tenebris erraverunt. Cum autem accepimus, tu velud diligens Christiane fidei zelator et custos, quam plures ex ipsis viris nephariis propter huiusmodi eorum detestandos excessus capi fe- ceris et tuis habeas detentos carceribus ; nos prout ex debito tenemur pastoralis officio, huic morbo et pestifero salubribus occurri remediis cupientes, tuamque in hoc diligentiam et sollicitudinem in domino pluri- mum commendantes tuumque eciam iam in hüs inchoatum officium nichilo- minus excitantes, fraternitati tue per apostolica scripta mandamus, qua- tenus ad huiusmodi pestilentem nequiciam, que serpit ut coluber in dictis civitate et diocesi ac provincia, penitus extirpandam, in caritate dei te diligenter exercens, contra ipsos viros nepharios tarn per te detentos quam per alios , nostra eciam auctoritate suffultus etc. ut supra usque Datum Avinione X. kalendas decembris anno (22. November 1354). [L. c. f. 3 b, epist. 9]

Doch wie bei den früheren, so scheint auch bei diesem Schreiben der Erfolg keineswegs der gewünschte gewesen zu sein. Denn in weite- ren Briefen vom 12. August 1355 und vom 20. September 1357 richtete Innocenz dieselben Mahnungen und Befehle an alle geistlichen und welt- lichen Obrigkeiten von Italien und besonders von Eom und Calabrien.

21. 'Dilectis . . filiis, dueibus, principibus . . . per Calabriam constitu- tis. Bomanus pontifex . . . Sane rumor infestus nostrum noviter turba- vit auditum, quod in partibus Calabrie nonnulli supersticiosi viri fratri- celli vulgariter nuncupati . . . officium predicationis usurpant et contra ipsius catholice fidei veritatem novas inducunt sectas variosque errores dampnabiliter seminant' . . . sollen den Inquisitoren zur Ausrottung der- selben behilflich sein. Datum apud Villamnovam Avinion. dioc. II. id. augusti anno (12. August 1355). [Regesta Vatic. Innocentii VI. (n. 230) an. 3, Hb. 2, pari. 1, f. 17 b, epist. 30.]

22. ( Venerabiii fratri Poncio episcopo Urbevetano nostro in spirituali- bus in Urbe vicario. Non sine gravi turbatione ad nostrum pervenit auditum, quod nonnulli pestiferi supersticiosique viri, fratricelli vulgariter nuncupati, in Urbe et circumvicinis partibus contra catholice fidei veri- tatem novas inducunt sectas erroresque varios dampnabiliter seminant' ; er solle den Inquisitoren alle mögliche Förderung gewähren. Datum Avinione XII. kal. octobris anno (20. September 1357). * [Regesta Vatic. Innocentii VI. (n. 232) commun. an. 5, f. 3 a, epist. 10.]

23. 'Dilectis filiis . . dueibus, principibus, marchionibus , comitibus, baronibus, seneschalis, iusticiariis, vicariis, potestatibus, capitaneis, recto- ribus, iudieibus et officialibus secularibus neenon communibus et universitati- bus civitatum , terrarum, castrorum, villarum atque locorum per Italiam

Die Spiritualen.

77

constitutis et aliis universis , ad [quos] presentes litter e pervenerint. Multa nec immerito nos amaritudo perfundit. . . Sane rumor infestus dudum turbavit et turbat assidue mentem nostram, quod in Italie et presertim romanis et regni Sicilie partibus nonnulli supersticiosi viri, fratricelli vulgariter nuncupati ... in ovium veniunt vestimentis sibique officium predicationis usurpant et contra catholice fidei puritatem novas inducunt sectas erroresque varios dampnabiliter seminant'; sollen dieselben einfangen lassen und den Inquisitoren Hilfe leisten. Datum wie oben. [L. c. epist. 11]

Venerabiiibus fratribus . . archiepiscopis et episcopis ac dilectis filiis electis et aliis ecclesiarum et monasteriorum prelatis per Italiam constitutis, ad quos presentes pervenerint. Multa nec immerito wie oben. [L. c. epist. 12.]

Ich schliesse diese Aehrenlese mit zwei Schreiben Urbans VI. gegen die Fraticellen in der Gegend von Farfa und Rieti. Es Hegt zwar aus dem 15. Jahrhundert in den Regesten noch eine Menge ähnlicher Schreiben 1 vor, von welchen Wadding nicht wenige mittheilt oder wenig- stens erwähnt ; für unsere Zwecke jedoch haben dieselben keine beson- dere Bedeutung mehr. Um jene Zeit hatte die Secte bereits längst eine bestimmte und dauernde Gestaltung angenommen und diese zeigt sich uns in den noch mitzutheilenden Processen unvergleichlich klarer als in jenen Schreiben.

24. 'Nicoiao abbati monasterii Farfensis. Ad audientiam nostram pervenit, quod Franciscus Interamnes, Benedictus de sancto Gemino, Antonius de Reate, Franciscus de Pulegia et Laims de Stornabecho ordinis fratrum minorum professores (f. 181 a) deum pre oculis non habentes, spiritu rebellionis assumpto et ab unione sancte romane et universalis ecclesie se dampnabiliter subtrahentes , in terris tui mona- sterii et partibus circumstantibus commorantes , quandam sectam per eandem ecclesiam reprobatam, que fraticellorum dicitur, pertinaciter observant et alios secum in perditionem trahere nituntur' ; soll sie fangen. Datum Perusii IUI. nonas maii an. 11° (4. Mai 1388). [Regesta Vatic. Urbani VI. (n. 311) secret. an. 9—11, Hb. 2, f. 180 b.]

25. 'Andreocio de Palumbario domicello'. Soll dem Abt von Farfa behilflich sein. 'Cum autem, sicut habet nonnullorum fide dignorum assercio, huiusmodi professores in Castro Podii Donadei Reatine diocesis, quod gubernas, frequenter se reducant et inibi receptentur', so wird ihm befohlen, dies zu verhindern. Endlich fügt Vfban bei, er habe 'dilecto

1 S. dieselben in Wadding und Raynaldus, viele derselben hat Mosheim 1. c. p. 659 s.

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Franz Ehrle,

filio Angelo de Clausura ordinis predicti (d. h. ord. rainorum)' und dem Äbt von Farfa aufgetragen, die Fraticellen zu fangen. Datum wie oben. [L. c. f. 181b.]

II. Processe. 1. Der Process gegen Paulus Zoppus von Rieti im Jahre 1334. Wir haben bereits oben1 aus einem Process gegen die Fraticellen der Gruppe Angelo's vom Jahre 1334 fr. Simon von Spoleto als päpstlichen Inquisitor kennen gelernt. Die Acten eines zweiten von demselben Inquisitor in Rieti geführten Pro- cesses enthält derselbe cod. Vatic. 4029 2, Bl. 1 75, aus welchem ich hier, soweit es der Anstand erlaubt, das Wesentliche mittheilen will. Die Verwerthung der hier enthaltenen Angaben folgt unten 3.

Am 15. Juli 1334 theilte in Gegenwart der Aebtissin die 'Ceccha- rella * Johannis Retinecte de Reate monialis monasterii sancte Scholastice de Reate' dem Inquisitor mit, dass, als sie im Hause der Wittwe 'Con- tessa 5 filia Jotii, uxor condam Pauli Piscis de Reate de Porta Romana desuper (que nunc est de tertio ordine)' diente, sie selbst sowohl als ihre Herrin von einem gewissen 'Paulus 6 Angelecti Venuti de Reate de Porta Romana' unter dem Scheine der Frömmigkeit zu unsittlichen Gebräuchen verführt worden sei; worauf fr. Simon den Process durch folgendes Actenstück, in welchem das wesentliche der bisher gemachten Geständnisse enthalten ist, einleitet:

(f. 6 a.) 'Nos frater Symon de Spoleto ordinis fratrum minorum Inquisitor supradictus , quoniam debitum commissi nobis officii exigit et requirit , quod contra hereticos et hereticas , suspectos et suspectas de heresi et heretica pravitate et ad ipsam quomodolibet pertinentia exterpanda nec non et contra eorum fautores, receptatores et defensores eorum solerti diligentia procedamus; et ex speciali mandato domini pape Johannis XXIIdi tenemur de vita et conversatione quorundam ritum statum habitum vel septam fraticellorum de paupere vita septantium vel tenentium aut assumentium , que per sedem apostolicam sunt pro- hibita et dampnata informemur et culpabiles puniamus secundum quali- tatem criminis et persone. Sane clamosa insinuatione et fama publica deferente nostris est auribus intimatum, quod Paulus Coppus alias dictus Paulus de Carcere et quidam alii homines et mulieres salutis proprie immemores , dei et ecclesie timore postposito , facies iddem habentes

i S. oben S. 8. 16. 2 S. über ihn oben S. 8.

3 Im zweiten Theil dieses Abschnittes. 4 Bl. 3 a.

5 Dieser volle Name Bl. 13 b.

6 So Bl. 6b; gewöhnlich heisst er 'Paulus Cioppus' oder wie das päpst- liche Schreiben bei Wadding richtiger 'Zoppus' (offenbar der Hinkende' nach dem italienischen 'zoppo') ; ferner 'alias dictus Paulus de Carcere' ; s. unten.

Die Spiritualen.

79

diversas eefdj caudas ad invicem colligatas, sub pallio mortificationis carnis et specialis virtutis et bonitatis et obedientie salutaris vel per- fectionis altioris vel virtutis mulieres ante se ad nudum faciunt spoliari et iacere suppinas modis et actibus inhonestis, ut suas infectivas cor- ructionis libidines licite valeant adimplere *. Daher will er gegen sie eine Untersuchung einleiten.

Paulus Zoppus wird nun vorgeladen und ist bald, ohne dass die Tortur angewandt worden wäre, geständig. Er erklärt Bl. IIa: 'Quod ipse nullam personam suspectam habebat et sponte renunptiavit onini sue defensioni ... et posuit se libere in manibus ipsius inquisitoris.' Bl. 24b bestätigt er: 'Quod omnia supradicta confessus fuit, quia vera sunt, et sponte et non propter penam nec timore alicuius tormenti ; et dixit, quod nulluni tormentum recepit nec in aliquo fuit tortus.'

Zur Kennzeichnung seiner Vergehen und seiner Persönlichkeit ge- nügen folgende Stellen aus seinen Geständnissen. Bl. 10 a : 'Interrogatus, sub qua specie et quo colore induxit ad spoliandum; respondit, quod supradicta inducebat sub specie virtutis obedientie, et in hoc dicebat experimentum sumere, si erat obediens. Et dixit, quod dicebat sibi, quod si predicta faciebat ad dictum suum ipso presente et vidente, erat obediens; et si üla non faceret, non esset inobediens. Jnterrogatus, a quo habuit predictum ritum et modum et a quo didicit; respondit, quod didicit et scivit a fratre Raymundo fratricello de Spoleto, qui fuit moratus in loco Foreste de Reate et loci sancti Maronis vel Mari prope Reatum et nunc est defuntus et fuit defuntus in domo Lotoroni de Alfonis de Reate et fuit sepultus in cimeterio ecclesie maioris Reatine. Interrogatus, quomodo docuit eum dictus frater Raymundus, respon- dit, quod dicebat sibi, quod Spoleti servabatur iste modus, scilicet quod homo nudus cum nuda iacebat et non commiscebantur ad invicem. Interrogatus (10 b), si ille asserebat, in supradictis esse aliquod bonum; respondit, quod non dicebat sibi nec bonum nec malum. Interroga- tus de loco, ubi supradicta didicit, respondit, quod in civitate Reatina, sed non recordatur bene et determinate de loco particulari. Inter- rogatus de tempore respondit, quod fuit iam sunt X et XII anni elapsi.'

(f. 21a.) 'Item dixit, quod ipse simulavit miracula falco; verbi gratia, quod ipse Paulus dixit multis personis et disseminavit inter multos, quod semel dum ipse Paulus esset in loco Grecce cum fratre Appollonio et ibi essent duo iuvenes fratres novitii et propter abundan- tiam nivis eis defecerat panis, propter quod illi duo novitii volebant de ordine recedere et frater Appollonius predictus dixit eis, quod expecta-

1 Aehnliche Geständnisse im Liber sententiarum inquisit. Tolosanae ed. Limborch pp. 382 s.

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Franz E h r 1 e ,

rent per tres dies et dominus ministrabit tertia die eis stantibus sie sine pane. Et illis iuvenibus volentibus recedere, fuit pulsata porta loci, ad quam unus currens de dictis iuvenibus invenit ibi unum cani- strum panis, ibi nullo apparente. Et post hoc posita mensa pulsata est porta, ad quam currens unus de supradictis invenit ibi unum lupum cum branca pulsantem. Qui lupus recedens dimisit unum crapaiolum. Et dixit, quod omnia superdicta fuerunt falsa et predicta dissimulavit et finxit ad laudandum ,dictum fratrem Appollonium in sanetitate.'

Hierauf legte fr. Simon das Ergebniss der Verhöre einer von ihm einberufenen .Versammlung zwölf angesehener Männer Rieti's aus dem geistlichen und weltlichen Stande vor und verlangte ihr Gutachten über folgende Punkte: (Bl. 16b.) 'Utrum dicta et confessata contra Paulum Cioppum supradictum sint heretica; secundo utrum ipse veniat ut he- reticus condempnandus ; tertio utrum sit aretandus tormentis ad plene confitendum.'

Aus den Antworten 1 gar mancher der Einberufenen leuchtet das Bestreben hervor, den Inquisitor zu veranlassen, dass er sich mit dem Geschehenen und einer Züchtigung des Verführers begnüge und die

1 Ich theile einige der Gutachten mit: Bl. 17 a. 'Dominus Jacobus Leo- pardutii (welchem fünf andere beistimmten; s. über ihn weiter unten S. 81.) consuluit super p r i m o , quod erant heretica ; super secundo, quod non est condempnandus , quia est vilis condicionis , inspecta condictione persone ; super tertio, quod non est torquendus propter famam servandam persona- rum Reatinarum et propter honorem civitatis.' Sechs andere stimmten mit 'dominus Johannes de Cane mortuo (Bl. 16 b) super primo, quod erant heretica et heresim sapientia; super secundo, quod ex illis non debebat condempnari ut hereticus, quia vaccillabat aliquando; super tertio, quod debebat tormentis aretari ad confitendum veritatem'. In einer zweiten Versammlung von 16 Rathen am 30. Juli stimmen (Bl. 26a) 'omnes supradicti iurisperiti et clerici et vicarius episcopi . . . concorditer ...primo... quod quia secundum con- fessiones dicti Pauli diversimode factas, que videntur innuere, quod alia late- ant (26 b) , que debuit confiteri , ipse Paulus per inquisitorem sit artius ad- stringendus, ut plenius confiteatur, et nisi confiteatur plenius, sit ultimo tor- mentis et questionibus exponendus, antequam feratur sententia contra eum; secundo quod dictus Paulus ex confessatis per eum, esto quod non confiteatur alia, pro heretico puniatur propter dogma hereticum et perversum, quod est confessus ; tertio, quod ultima pena canonica , sicut conversus , tarnen ut hereticus puniatur. Omnes autem supradicti religio si presentes supra- dictis consultationibus concorditer consuluerunt, sicut supradicti alii consultores, excepto quod dixerunt, quod adstringatur artius ad confitendum illa, que vi- detur taeuisse, sine tormento flactionis bracciorum vel exibitionis calcis et hiis similium penarum.'

Die Spiritualen.

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Sache niederschlage. Offenbar wollten die Verwandten der Contessa die Ehre ihrer Familie, und die Magistratspersonen die der Stadt mit allen Mitteln gewahrt wissen. Der Inquisitor hielt es jedoch für seine Pflicht, zur Aufspürung der allenfallsigen weiteren Mitschuldigen die Untersuchung fortzusetzen.

Er übergab zunächst den Paulus Zoppus dem Potestas der Stadt bis auf weiteres in sichern Gewahrsam 1 ; sah sich aber dann bald wahrscheinlich als er zur Vorladung der Contessa schreiten wollte in der Ausübung seines Amtes behindert und bedroht. Im August 2 zog er sich daher aus der Stadt in das benachbarte 'Gonessa 3 zurück und forderte von dort die Contessa vor sein Tribunal 4 und befahl dem Po- testas , ihm den Paulus auszuliefern 5. Doch es war bereits zu spät. Der Magistrat der Stadt hatte bereits Wachen an die Stadtthore ge- setzt 6, um alle Boten des Inquisitors aufzufangen. Als trotzdem einer derselben eindrang, erging es ihm so übel, dass sein Leben in Ge- fahr stand 7.

In Betreff der Haupturheber dieses Widerstandes sagt ein Zeuge aus : (Bl. 49 b.) 'Item dixit, quod in dicta civitate est publica vox et fama, quod per filios Jotii 8 et dominum Jacobum Leopardutii et Colam Spe- ciarium de Reate . . . procuratum est et factum, ne predictus inquisitor in predicta civitate possit inquisitionis officium libere exercere.' Die- selben wurden daher vom Inquisitor nebst dem Potestas , dem Vikar, den sechs Priores artium und einem 'Berardellus Petroni' vorgefordert 9 ; natürlich leisteten sie keine Folge , worauf sie der Excommunication verfielen 10.

Hierauf erstattete Simon Bericht nach Avignon. Doch die Er- ledigung seiner Angelegenheit erlitt durch den am 4. December 1334 erfolgten Tod Johanns XXII. eine Verzögerung. Von dessen Nachfolger

1 Bl. 26 b.

2 Bl. 49 b. Fr. Simon datirt Bl. la bis 28 vom 15. Juli bis 3. Au- gust 1334 'Reate in loco fratrum minorum in camera ipsius inquisitoris' ; Bl. 33 52 vom 8. August bis 8. October 'in ecclesia sancte Marie in terra Gonessa diocesis Reatine' ; Bl. 52 56 und Bl. 63 75 vom 21. October bis 2. November 'in ecclesia sancti Francisci de Viterbio'.

3 Ob nicht 'Leonessa' zu setzen, welches sich wirklich in der Nähe von Rieti findet? Die Hs. hat allerdings allenthalben 'Gonessa'.

4 Bl. 33 a b. Durch Schreiben vom 8. August.

s Bl. 36 f. e Bl. 34 b. 7 Bl. 34 b. 35 a.

8 Bl. 42b werden sie genannt: Angelutius, Cecchus, Jacobus; es sind die Brüder der 'Contessa filia Jotii'. S. Bl. 13 b am Rand.

9 Bl. 42 ab. 10 Bl. 40b f. und Bl. 59a f.

Archiv für Literatur- und Kirchengeschichte. IV. 6

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Franz Ehrle,

Benedikt XII. erhielt er bald zwei vom 13. Mai 1335 datirte Schreiben, von welchen eines an Rieti1, das andere2 an ihn selbst gerichtet war. Ersteres mahnt in väterlichem Tone die Bürgerschaft, von dem Wider- stande gegen den Inquisitor abzulassen, und sagt ihnen andererseits möglichste Schonung der Ehre ihrer Frauen und ihrer Stadt zu. In Betreff des fernerhin einzuhaltenden Verfahrens wird fr. Simon auf münd- lich übermittelte Befehle angewiesen.

Wie die Angelegenheit schliesslich zu Ende geführt wurde, konnte ich bisher nicht ermitteln.

2. Der Processi gegen fr. Andreas von Galiano, den Kaplan der Königin Sanctia von Neapel, von 1338. Schon im Obigen habe ich mehrmals auf die Gunst hingewiesen, in welcher die spiritualistische Partei beim Hofe von Neapel stand. Auszüge aus den Acten eines Processes, deren Kenntniss ich einer gütigen Mitthei- lung P. Denifle's verdanke, und einige einschlägige päpstliche Schreiben gewähren uns einen nicht uninteressanten Einblick in die bei dieser Begünstigung treibenden Kräfte und Persönlichkeiten, sowie in die Hal- tung, welche Johann und Benedikt ihr gegenüber beobachteten.

Bereits aus einer früheren Mittheilung lernten wir die Verehrung kennen, welche der Franziskanerorden bereits unter Karl II. am neapoli- tanischen Königshofe genoss. Kaum geringer war sie am Hofe von Maiorca. Vertraute die neapolitanische Königsfamilie den Söhnen des hl. Franz die Erziehung der als Geiseln nach Aragonien entsandten Prinzen unter ihnen der hl. Ludwig und König Robert an, schenkte sie aus ihnen den hl. Ludwig von Toulouse dem Orden und der Kirche, so starb von den Prinzen von Maiorca nur wenig später Jakob als armer Franziskanerbruder und schloss sich Philipp unter der allerdings nicht glücklichen Leitung Angelo's da Clareno den Bestrebungen der Spiri- tualen an, während deren Schwester Sanctia mit ihren Brüdern in Liebe und Begeisterung für denselben Orden, und zwar auch im besondern für die strengere Richtung desselben wetteiferte3. Was Wunder, dass sich in Neapel die Begünstigung des Ordens zu verdoppeln schien, als

1 S. dasselbe bei Wadding ad an. 1335, n. 9 aus Regesta Vatic. Bene- dicti XII. (n. 130) secret. an. 1, f. 43 b, epist. 274.

2 Regesta Vatic. 1. c. epist. 275. Es beginnt: 'Pridem nobis exponere curasti'; er soll das beiliegende Schreiben nach Rieti abgeben, 'faciens de mulieribus Reatinorum predictorum, si forsan super eadem heresi vel aliquibus eam tangentibus habite sint vel habeantur suspecte, quod pro earum honestate ac honore civitatis predicte conservando tibi verbotenus duximus iniungendum'.

3 Vgl. unter anderm ihren Brief an das Ordenskapitel von Perpignan bei Wadding ad an. 1331, n. 8,

Die Spiritualen.

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1309 Sanctia an der Seite König Roberts einzog und nach geraumer Zeit ihr Bruder Philipp von Maiorca ihr dahin folgte.

Nicht ohne guten Grund suchten also die vom Orden ausscheidenden Spiritualen von Tuscien und der Mark im Neapolitanischen eine sichere Unterkunft. Ihr Zuzug verschlimmerte aber die zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Hofe Roberts seit 1322 bestehende Spannung. Johann XXII. sah sich Robert gegenüber nicht nur durch seine früheren persönlichen Be- ziehungen zu ihm1, sondern auch wegen dessen Einfluss in Italien zu möglichster Milde und Schonung gezwungen. Doch als sich durch die Absetzung und Bannung Michaels von Cesena (1328) der Gegensatz zwischen der Stimmung des neapolitanischen Hofes und den päpstlichen Massnahmen immer mehr verschärfte und Robert die Veröffentlichung der gegen Michael erlassenen Bullen verhinderte, musste in der Sache etwas geschehen.

Zunächst erliess Johann im Jahre 1330 die oben2 erwähnten Schrei- ben an den König, die Königin und Philipp von Maiorca und ordnete den neu erwählten Ordensgeneral Geraldus Odonis nach Neapel ab 3. Selbstverständlich musste dieser vor allem auf die mit der geistlichen Leitung der Königin und ihres monumentalen Conventes damals 'Corporis Christi', jetzt 'Sta Chiara' betrauten Brüder einzuwirken suchen, aber auch von ihnen den hartnäckigsten Widerstand gegen seine Bestrebungen befürchten. Da gegen die beiden hervorragendsten der- selben bereits die Anklage vorlag, dieselben gingen darauf aus, sich selbst und andere dem schuldigen Gehorsam der Kirche und des Ordens zu entziehen, so bevollmächtigte Johann den Ordensgeneral, dieselben gegebenen Falles vor das päpstliche Tribunal in Avignon zu citiren und sie unterdessen sofort von allen priesterlichen Functionen zu sus- pendiren. Dieselben leisteten der Vorladung keine Folge und ver- fielen daher der Excommunication. Doch die Königin machte die Sache ihrer Kapläne zu der ihrigen, Hess Geraldus ihren Unwillen fühlen und wandte sich, wahrscheinlich Anfang 1333, an Johann mit der Bitte um Befreiung der Brüder von den kirchlichen Strafen und um Gewäh- rung einer ziemlich weitgehenden Exemption ihres Conventes von Sta Chiara (Corporis Christi) von der Jurisdiction der Ordensminister. Dies alles erfahren wir aus den Antwortschreiben Johanns vom 17- und 18. April 1333 \

1 Johann war Roberts Erzieher und später sein Kanzler gewesen.

2 S. oben S. 67 f.

3 S. ein Empfehlungsschreiben vom Dec. 1330 für ihn oben S. 117, Anm. 2.

4 Besonders aus dem ersten Schreiben an den Erzbischof von Neapel; s. unten S. 85, Anm. 2.

6*

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Franz Ehrle,

Eidem Regt [Sicilie]. Ex litteris percepimus regiis evidenter, quod circa sopiendam discordiam inter filiam nostram in Christo carissi- mam Sanciam reginam Sicilie illustrem ac Petrum de Cadeneto et An- dream de Galiana (!) ordinis minorum ex parte una , et dilectum filium Geraldum Othonis ordinis minorum generalem ministrum ex altera a pacis emulo suscitatam extremis omissis via, que sequitur, velut media est sequenda. In primis quidem videtur circumspectioni regiae, quod fratres prefati ad actus legitimos ob ipsius regine honorem restitui debeant, prout nobis placuerit et videbitur de gratia speciali. Ad quod dicimus, quod istud non videtur in presenti posse compleri. Cum autem fratres predicti sint excommunicationis vinculo innodati, eo du- rante nequeunt restitui ad predicta. Secundo eisdem necessario expedire videtur, quod fratrum dicti ordinis, qui prefate regine assistunt et in divino cultu serviunt seu in conventu monasterii Corporis Christi existunt, quosque continget conventuales dicti monasterii pro tempore assignari, ac monialium deo famulantium in monasterio supradicto; cu- ram omnem et iurisdictionem ac provisionem . . ministro Terre Laboris sub honestiori et decentiori titulo, quo fieri poterit, committamus; que per ministros ydoneos non suspectos idem minister Terre Laboris de- beat exercere. Qui quidem Terre Laboris minister ad requisitionem regine fratres de toto ordine pro prefate regine servicio et dicti con- ventus Corporis Christi officiis , regimine atque cultu divino convocare valeat, ipsique vocati eidem ministro Terre Laboris debeant obedire. Profecto fili carissime articulus iste videtur nimium esse gravis. Quod enim ab hobedientia generalis ministri dicti ordinis capitulique generalis eximitur ac separatur membrum tarn nobile , gravis nimium videtur esse iactura; sed et insuper ipsi monasterio non parum videtur fore dampnum. Si enim gens sub maiori iudice constituta maiorem pro- videnciam senciat, sequitur quod sub minori iudice constituta minorem providenciam assequatur. Constat autem generalem ministrum ac gene- rale capitulum superiores esse ministro Terre Laboris. Preterea hoc non esset, nisi inter ministrum generalem et generale capitulum ex una parte , et ministrum Terre Laboris ac fratres et sorores conven- tuum monasterii Corporis Christi ex altera ponere grave sisma, quod patet ad sensum. Videmus enim, quod prelati exemptis plurimum sunt infesti , nostraque tenet memoria , quod , quia felicis recordationis Cle- mens V. predecessor noster exemit fratres aliquos, licet in parvo nu- mero, fuit totus minorum ordo turbatus. Rursus , quod minister Terre Laboris posset ad requisitionem regine pro suo et dicti monasterii ser- vicio fratres de toto ordine convocare, quodque advocati sibi debeant obedire, periculosum nimium ordini posset esse. Cum enim regina seu minister Terre Laboris, qui est vel erit pro tempore, conditiones fratrum

Die Spiritualen.

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ordinis ignorent, ut in pluribus quod sie ignaros possent fratres in- distinete vocare, plerunque forsan contingeret , ipsos minus idoneos evo- care. Et dato quod hoc [non] concederetur eidem, forsan generalis mi- nister vel generale capitulum vel minister particularis, qui de conditio- nibus ipsorum vocatorum pleniorem habent noticiam, se opponet vocationi predicte, sie quod inter eos lites, odia et discordie orirentur. Capitula autem alia contenta in litteris regiis reputamus rationabilia et honesta. Sane quia quietem et pacem reginalem et ordinis ac generalis predicto- rum intensis desideriis affectamus nec non et regio consilio , quantum secundum deum possumus, nos volumus coaptare: ecce quid nobis vi- detur ad sopiendam dissensionem huiusmodi observandum. In primis quod ob dei reverenciam et ad preces nostras ac humilem supplicatio- nem generalis predicti regina suam restituat gratiam generali pre- dicto, ipsoque utatur sicut servulo prompto ad eius obsequia et parato K Deinde quod venerabiles fratres nostri . . Neapolitanus archiepiscopus vel Beneventanus et dilectus filius . . abbas sanete Sophie Beneventan. 2 fratres V[etrum] et Andream predictos ab exeommunicationis senten- cia, qua ratione citationis et non comparitionis sunt innodati, in forma ecclesie absolvant et iuramento ab eisdem fratribus et eorum quolibet in manibus alterius ex supradictis archiepiscopis . et abbatis predicti corporali prestito , quod nunquam doematizaverunt aut predieaverunt contra determinationem nostram super hoc factam: utrum affirmare, quod Christus et eius apostoli non habuerunt aliquid in proprio vel communi ; item super hoc : an pertinaciter asserere, quod Christo eius- que apostolis hiis, que ipsos habuisse, scriptura sacra testatur, nequa- quam ius utendi seu consumendi competit nec illa vendendi seu donandi ius habuerunt aut ex ipsis alia acquirendi, que tarnen ipsos de pre- missis fecisse scriptura sacra testatur seu ipsos potuisse facere sup- ponit aperte, hereticum sit censendum; nec quod per quemvis alium contra illa predicaretur vel dogmatizaretur dederunt consilium occulte vel publice nec quomodolibet in causa fuerunt; quodque premissa scilicet pre- dicare vel dogmatizare contra predicta seu impertiri tamquam consilium vel causam quomodolibet quod contra premissa presumatur talia attemp- tare, non facient nec attemptabunt imposterum publice vel occulte, nec non quod non adherebunt dampnato Bavaro nec Michaeli de Cesena dudum ordinis minorum generali ministro de heresi condempnato nec ei velut

1 Hierzu mahnt noch ein eigenes Schreiben im selben Band f. 146 b, epist. 734 vom 18. April 1333.

2 Die entsprechenden Auftragsschreiben an sie im selben Bande f. 135 a, epist. 678 und f. 136 a, epist. 680; das zweite enthält die Bevollmächtigung, auch die Anhänger der beiden königlichen Kapläne loszusprechen.

8»;

Franz Ehrle,

ministro parebunt in aliquo publice vel occulte fratres ipsos et eorum quemlibet auctoritate apostolica ad actus restituant legitimos, a quibus fuerant auctoritate predicta suspensi, ipsosque fratres et eorum quem- libet liberent a citatione predicta. Ceterum cum ad salubre regimen monasterii Corporis Jesu Christi per eandem reginam non absque im- mensis fundati atque constructi sumptibus nec non et conventuum tarn sororum quam fratrum eiusdem monasterii ac fratrum degentium in servicio regine predicte solicitis studiis intendamus, eidemque regine expediens admodum videatur, quod cura, iurisdictio ac provisio fratrum et sororum ac conventuum predictorum . . ministro Terre Laboris, qui est et qui erit, imposterum specialiter committatur, licet e regione multis videatur, quod ordo minorum separatione tarn membri nobilis a cura generalis ministri et capituli generalis eiusdem ordinis nimium grava- retur, quodque talis separatio pocius in gravamen et periculum fratrum et conventuum predictorum cedere quam favorem: nos ad tempus pro- bare volentes, quid magistra rerum experiencia super hoc suadebit, cu- ram omnem, iurisdictionem ac provisionem dictorum fratrum, sororum et conventuum usque ad biennium nobis specialiter reservamus; inten- dentes secundum ea, que expediencia ordini et dictis conventibus ac fratribus manifestabit experiencia, pro futuro tempore dante domino providere. Et quia propter nostram ab illis partibus absenciam per nos excercere nequimus predicta, volentes indempnitati dictorum con- ventuum et fratrum salubriter providere, predicto ministro Terre Laboris, qui est vel qui erit pro tempore, quoad predicta infra tempus predictum usque ad nostrum beneplacitum inten dimus committere vices nostras eidem sub virtute sancte obediencie districtius iniungentes, ut iuxta ordinationem in dicta fundatione monasterii per nos factam ac statuta canonica nec non et privilegia concessa ordini et monasterio supra- dictis, curam et alia supradicta ad honorem et consolationem dictorum fratrum et conventuum sedule studeat adimplere. Porro capitula re- liqua in regiis contenta litteris, videlicet quod iniungamus ministro ge- nerali predicto, ut desistat regine predicte honori detrahere ; item etiam quod fratres sibi devotos ab eorum promotionibus indebite non repellat, nec emulos sibi loco illorum promoveat: reputantes rationabilia et ho- nesta, offerimus premissa nedum iuxta consilium regium adimplere, quin pocius eidem ministro, quod honorem et famam reginales pro viribus extollere ac fratres indevotos sibi ad eius amorem et devotionem re- vocare et devotos eidem regine ydoneos oportunis prosequi curet pro- motionibus et favoribus et ipsi regine super hiis et aliis, quantum cum

1 Das entsprechende Schreiben 'Ad perpetuam rei memoriam' findet sich im selben Bande f. 134 b, epist. 677, datirt vom 17. April 1333.

Die Spiritualen. g7

deo poterit complacere, districtius iniungemus. Datum XIIII. kalen- das maii anno 17° (18. April 1333). [Regesta Vatic. Joannis XXII. (n. 117) secret. an. 17 et 18, f. 145b, epist. 732.]

Doch Benedikt XII., der dem neapolitanischen Hofe freier gegen- über stand, nahm 1338 die Sache wieder auf. Er citirte fr. Andreas von Galiano fr. Petrus de Cadeneto war unterdessen gestorben nach Avignon und liess auf Grund von Anklagen wegen Häresie einen regelrechten Piocess gegen ihn einleiten. Aber so compromittirend auch die Anschuldigungen seiner Gegner gegen ihn lauteten, so zahlreich und ausdrücklich waren die Aussagen seiner Entlastungszeugen, unter welchen sich mehrere dei ersten Würdenträger des neapolitanischen Hofes be- fanden. Der Process endete daher mit der vollständigen Freisprechung des Angeklagten.

Die erwähntei, aus der Zeit des Processes stammenden Auszüge finden sich im vatikanischen Archiv der avignonesischen Sammlung in einen Regestenband Clemens' VI. 1 eingebunden. Ein weiteres Exemplar fand sich nach Ausveis des Kataloges von 1369 in der avignonesischen Bibliothek 2. Ich the'le die für unsern Zweck belangreichen Stellen mit.

Zunächst fassen wir die Person des fr. Andreas ins Auge.

(f. 478 a.) 'Ad ostmdendum, quod frater Andreas de Gualiano (!) ordi- nis fratrum minorum, cjpellanus et familiaris serenissimi principis domini Roberti Jherusalem et Scilie regis et serenissime domine domine regine Sancie consortis dicti donini regis temporibus fuit et etiam consuevit et quod sit verus catholicis et christianus . . . dat dictus frater Andreas articulos infrascriptos ad omnem effectum, qui sibi prodesse possit. . .

(f. 478 b.) III. Item qiod dictus frater Andreas tunc existens cleri- cus secularis et incedens 'n habitu clericorum secularium ductus de- votione intravit ordinem beiti Francisci Sulmone.

(f. 479 a.) Uli. Item qiod in eadem religione stetit per spatium annorum decem, item XX, iteu XXXnil et plures, quodque in eadem religione fecit expressam proussionem Sulmone in manibus bone me- morie religiosi viri fratris Gambi de Poperio tunc custodis Aquilensis. . .

V. Item quod idem fratei Andreas post professionem 3 et ex- perientiam persone et ordinis, enerabilis pater et frater Gunssalvus

1 Regest. Avenion. Clementis Vl.tom. 2, ff. 452—523, und zwar 452 bis 470 Zeugenaussagen gegen Andreas, ff. 470— 475 ein Stück der Vertheidigung desselben, ff. 475—478 das freisprechen« TJrtheil vom 29. Juli 1338, ff. 478 bis 486 Beweispunkte zu Gunsten des A-dreas, ff. 486—523 Aussagen seiner Entlastungszeugen.

2 N. 1256.

3 Hs. perfectionem.

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Franz Ehrle,

tunc generalis minister1 propter laudabile testimonium , quod de dicto fratre ferebatur, in ordine promovit eum ad Studium infra provinciam et successive frater Jacobus de Bucellano tunc minister (479 b) Pennen- sis propter bonam et laudabilem conversationem dicti fratris Andree assumpsit eundem in socium domesticum suum.

VI. Item quod dictus frater Jacobus minister prefatjis post emeri- tos labores de voluntate et consensu venerabilis fratris llexandri tunc generalis ministri 2 misit dictum fratrem Andream Neapo/im ad Studium generale, et deinde post redditum 3 de studio Neapolitano capitulum provinciale et fratres per electionem concorditer miserynt eum Parisius ad Studium generale. In quibus studiis tarn sermossinahdo, predicando, respondendo predicavit, tenuit et dixit ea, que tenet jt docet, credit et sentit id, quod sancta mater ecclesia ; quodque in diotis studiis et locis fuit laudabiliter , catholice et honesta et pacifice cc/oversatus. Et de hiis est pubhca vox et fama.

VII. Item quod post redditum dicti fratris Aiidree de Parisiensi studio per provinciale capitulum sue provincie elecfus et assumptus fuit in diversis conventibus et studiis videlicet in conventu Aquilensi.'

Hierauf wird er Custos der Custodie von Chiey (custodie Theatinae) und Provinzial der 'provincia Pennensis' bis zumKrpitel von Paris (1329).

(f. 481 b.) XV. 'Item postquam fuit idem fr/ter Andreas ab officio dicti ministerii absolutus, de licentia fratris Mice de sancto Georgio tunc vicarii dicte provincie Pennensis ivit Ne>polim ad requisitionem fratris Raymundi episcopi Adversani4. Et ei tunc dictus rex et do- mina regina predicta retinuerunt dictum fratr/m Andream in suis ser- viciis de licencia prelatorum fratris predicti./Et sie stetit et permansit usque ad vocationem domini nostri summi p/ntificis pape Benedicti XII.

(f. 482a.) XVII. Item, quod dictus /rater Andreas sicut verus christianus catholicus et religiosus fidelis sraper tenuit et sentit, credit, doeuit ; tenet, sentit, credit et docet, quo/ tenuit, sentit, tenet et docet sancta mater romana ecclesia, abstinent^ se in dictis predicationibus, sermonibus et clocumentis, et preeavend/ ab omnibus oppinionibus, que ab ecclesia seu ordine beati Francisci Ion tenentur (482 b) seu sunt ab ecclesia et dicto ordine reprobata; et/niaxime ab oppinionibus fratris Petri Johannis et fratris Bonegratie et/ratris Michaelis 5, quibus oppinio- nibus nunquam adhesit nec adheret./

i 1304—1313. 2 1313— 13>.

3 Hs. redditus. /

* Raymundus de Manssacco / Min., 1326—1336 Bischof von Aversa. 5 Dasselbe bezeugt der Guai^an von Avignon fr. Raymundus de Stra- nillis (ehedem fünf Jahre Vikar v</Sta Clara in Neapel) f. 286 a: 'nec audivit

Die Spiritualen.

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(f. 483 b.) XXII. Item cum pervenisset ad aures domine regine Sicilie, quod quidam fratres ordinis minorum ire vellent (484 a) in Si- cilia/m/ et aliqui incederent in habitu fratrum minorum, aliqui in habitu seculari, propter devotionem, quam habebat ad dictum ordinem, eisdem fratribus compatiens, retinuit aliquos de eisdem, pia intentione mota mandavit et fecit eisdem de necessariis provideri. Post ea fuerunt positi in Castro Litere, ne irent sine habitu vagabundi per mundum. Demum misit dicta domina regina prefatum fratrem Andream ad dictos fratres, ut disponerent se ad recessum et irent ad suas provincias, que erant extra Regnum, cum nullus illorum esset de Eegno et obedirent prelatis ordinis. Postea dicta domina regina scripsit diversis ministris et officialibus Regni, quod si aliqui predictorum fratrum invenirentur, qui nollent 1 stare sub obediencia prelatorum suorum et nollent 2 obedire mandatis ecclesie, expellerentur de Regno.

XXIII. Item quod dicti fratres asseruerunt firmiter dicto fratri Andree tarn in dicto accessu per dictum fratrem Andream facto ad eos, quam per alias personas (484 b), quod semper fuerunt et erant parati stare mandatis ecclesie et stabant, et quod propter metum et iniusticias eis factas et timorem incussum, qui poterat cadere in constantem virum per fratrem Geraldum generalem, ab eius facie se averterunt; quodque dictus frater Andreas nec per eos nec per aliquam aliam personam scivit seu intellexit contra dictos fratres fuisse sentenciam aliquam latam. . .

XXV. Item quod non inducit (!) nec instruxit dominum Philippum deMaioricis ad faciendum sermonem illum, de quo incusatur; ymo episco- pus Juvenaciensis3 quondam, frater Raymundus gardianus Avinionensis qui nunc est, qui tunc erat vicarius sancte Cläre, et idem frater Andreas reprehenderunt dominum Philippum de dicto sermone.'

Einen Hauptpunkt der Anklage bildete der Verkehr des fr. Andreas mit den 'fratres rebelies' vom Castrum Littere 4. Auf die Kunde von der nahe bevorstehenden Ankunft des eben erwählten Generalministers waren Ende 1332 oder Anfang 1333 gegen 50 Brüder aus der Mark, um den Polgen ihrer Parteinahme für Michael von Cesena zu entgehen,

unquam vel scivit, quod ipse oppiniones fratrum Petri Johannis, Bonagratie et Michaelis de Cezena tenet seu eis adheret' ; auch hahe er nichts gepredigt : 'contra personam domini Johannis pape aut eius constitutiones'. Vgl. auch Bl. 490 b, 492 a, 494 a.

1 Ha. vellent. 2 Hs. vellent.

3 Wahrscheinlich Guillelmus Alveniacci 0. Min. (1321), c. 1329 bis c. 1332 Bischof von Giovenazzo in Apulien; vgl. unten S. 94.

4 Wohl Lettere bei Castellammare di Stabia am Golf von Neapel.

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Franz Ehrle,

in das Neapolitanische entflohen h Als die Königin und fr. Andreas von der verzweifelten Lage derselben hörten, suchten sie zunächst die- selben durch Gewährung des nöthigen Unterhaltes von weiterem Um- herirren abzuhalten und durch Güte und Milde sie zur Rückkehr unter ihre rechtmässigen Ordensoberen zu bestimmen. Und wirklich ent- schlossen sich nach einem zweijährigen Aufenthalt in dem genannten Orte Anfang 1335 die meisten derselben, nach Avignon zu ziehen, wo ihnen Verzeihung und Gnade in Aussicht gestellt war.

Aus den auf diese Anklage bezüglichen Aussagen erhellt, dass fr. Andreas von einer Spaltung des Ordens ebensowenig als von einer offenen Auflehnung gegen Johann etwas wissen wollte, also das Vor- gehen Angelo's von Clareno nicht minder als das Michaels von Cesena verurtheilte. Ferner zeigen diese Aussagen, mit wie blinder Leiden- schaftlichkeit die Gegner des fr. Andreas bei der Sammlung ihres An- klagematerials verfuhren.

(f. 460 b.) 'Frater Guillelmus de Castellione testis iuratus et dili- genter interrogatus, dicere puram meram et omnimodam veritatem super articulis suprascriptis contra dictum fratrem Andream formatis, ipsis primitus sibi lectis, dixit suo iuramento, quod dictus frater Andreas ad- hesit fratri Michaeli de Sezena et secte sue et fuit fautor sui et se- quacium suorum, tractans quasi omnia facta fratrum illorum quasi omnium, qui in Castro Littere morabantur, qui omnes erant sequaces Michaelis, et reputans ipsum Michaelem generalem (461a) ministrum.

Item dixit, quod predictus frater Andreas visitabat eos fratres re- belies in dicto Castro, ubi loquens ipse erat, et veniebat ad videndum et confortandum de mandato regine.

Item dixit, quod mediator erat inter ipsos et dominam reginam, a qua procurabat predictis fratribus rebellibus, qui erant in dicto Castro, tunicas et alia necessaria. Interrogatus, quomodo seit, quod frater Andreas adhesit fratri Michaeli et secte sue et reputavit eum generalem post condempnationem ; dixit, quod nescit alias, nisi quia idem frater Andreas veniebat ad Castrum Littere ad ipsos fratres, de quorum nu- mero erat ipse loquens, et eos visitabat de mandato, ut dicebat, regine et partieipat (!) cum eis in missa, mensa, locutionibus et aliis ; et ex hoc habet argumentum, quod adhereret dicto fratri Michaeli et eius secte. Aliter nescit de adhesione sua, quia non potest iudicare de intentione sua. Tarnen ex alia parte ipse audiebat, quod obediebat fratri Geraldo generali ministro et prelatis suis.

Interrogatus, quot vieibus visitavit eos, dixit, quod una vice. Interrogatus, si post mortem domini Johannis pape vel ante, dixit, quod

1 Weiteres über diese Flüchtlinge unten.

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post. Interrogatus, si seit, quod dictus frater Andreas visitaret (461 b) eos motu proprio aut spontanea voluntate sua vel de man dato domine regine compulsive aut qua intentione; dixit se nescire certitudinaliter ; tarnen credit, quod ex parte domine regine et mandato suo visitaret eos, quia dicebat eis, quod domina regina salutabat eos et ipsum miserat ad confortandum eos. Interrogatus de tempore, quo visitavit eos, dixit, se